Wärmedrehscheibe Hennigsdorf
7 Januar 2018 Solare Wärmenetze Wer wissen will, was es mit der Energiewende in Hennigsdorf auf sich hat und wie hier die Fernwärme solarisiert wird, der besucht am besten Thomas Bethke, den Chef der Hennigs dorfer Stadt - werke. Bethke arbeitet in einem lichten Büro im Technologiezentrum, einem schicken Glaskasten, „Blaues Wunder” genannt. Ab und zu rappelt vor dem Fenster die S-Bahn vorbei. Sonst ist es ruhig an diesem trüben Dezembernachmittag. Manche Mitarbeiter sind schon gegan gen, um sich auf die abend liche Weihnachtsfeier vorzubereiten. Der Chef nimmt sich vorher noch Zeit für das Gespräch mit der Energiekommune. Mit Presseleuten geht der hemdsär - me lige Mittfünfziger locker um, ist er doch mit einer Journa listin verheiratet. Er kennt das Spiel – und bestimmt es gern selbst. Schlich te Frage, simple Antwort – so läuft das nicht bei Bethke. Wer von ihm was wissen will, der muss ein bisschen Zeit mitbringen. Schließlich ist der Plan, wie das Hennigsdorfer Wärmenetz zur „Wärmedrehscheibe“ und damit zum ökologischen Vorreiter unter Deutschlands Fernwärmenetzen werden soll, nicht vom Himmel gefallen. Ebensowenig, wie der Be schluss der Stadtverordnetenversammlung, die vor Monaten grünes Licht für das Großvorhaben gegeben hat. „Ja, der Beschluss ist gefasst – wir müssen es nur noch machen“, sagt Bethke und be ginnt erstmal einen Exkurs zur Geschichte Hennigsdorfs. Keine gewöhnliche Kleinstadt Zu Kaisers Zeiten wurde in dem beschaulichen Dorf nordwestlich von Berlin innerhalb weniger Jahre ein Zentrum der deutschen Schwer- und Rüstungsindustrie aus dem märkischen Sand gestampft. Bis zum zweiten Weltkrieg wurden hier von AEG Lokomo - tiven gebaut und Stahl produziert. Nach verheerenden Bombardements kurz vor Kriegsende baute die DDR die nunmehr volks eige ne Schwerindustrie in Hennigsdorf wieder auf. Nur das Reservoir an Arbeitskräften, die zuvor täglich mit der S-Bahn aus der nahen Metropole herangerollt waren, das befand sich nun aus Perspektive der DDR-Kombinate auf der falschen Seite einer Mauer in Westberlin. In Hennigsdorf mussten also Wohnungen für Werktätige gebaut werden – schnell, preiswert, auf engem Raum. So entstanden hier seit den 1950er Jahren verdichtete, mehrgeschossige Wohnsiedlungen. Für die nach der Wende entwickelte Fernwärmestrategie der Stadt war diese Siedlungsstruktur eine günstige Voraussetzung. Die Stadtwärme Hennigsdorf GmbH übernahm als 100-prozentiger Eigenbetrieb der Kommune die Braunkohle- Heizwerke, die seit den 1960-er Jahren aufgebaut worden waren, und erweiterte Schritt für Schritt das Netz. „Durch Sanierung und Abbruch von Gebäuden haben wir seit der Wende 60 Prozent unserer Anschlussleistung verloren“, berichtet Bethke. „In Summe haben wir unsere Anschlussleistung allerdings verdreifacht.“ Heute sind in Hen- 100 Prozent erneuerbare Energie für das Fernwärmenetz einer Industriestadt. Geht das überhaupt? –Wenn, dann nur mit großem Gestaltungswillen und neuem Denken. Hennigsdorf will es vormachen. Wärmedrehscheibe Hennigsdorf Von den Dächern des Cohn’schen Viertels speisen schon seit 18 Jahren Solarkollektoren Energie ins Fernwärmenetz ein. Foto: Stadtwerke Hennigsdorf 8 Solare Wärmenetze nigsdorf 80 Prozent der Wohngebäude und 70 Prozent der Gewerbebetriebe ans Wärmenetz angeschlossen –Werte, die bundesweit ihresgleichen suchen. Dahinter steht eine konsequent umgesetzte städtebauliche Visi on. Auf der einen Seite sei es darum gegangen, die industriellen Kerne zu erhalten sowie neue Mittelständler anzuzie hen, auf der anderen Seite das Image der Industriestadt aufzupolieren und qualifizierten jungen Arbeitskräf ten eine gewisse Lebensqualität zu bieten, sagt Bethke: „Was anderswo unter dem ökologischen Aspekt diskutiert würde, ist für uns einfach Pragmatismus.“ Am Thema Energie kommt man dabei nicht vorbei, denn der Energieverbrauch ist in Hennigsdorf pro Kopf der 26000 Einwohner doppelt so hoch wie im Bundesdurch schnitt. Verantwortlich ist dafür der hohe Industrieanteil mit Großverbrauchern wie dem Elektrostahlwerk des Riva-Konzerns und dem Schienenfahrzeugbau von Bombardier. Im Wärmesektor wurde der CO2- Ausstoß bereits im Jahr 2009 schlag - artig halbiert: durch die Inbetrieb nah - me des Biomasse-Heizkraftwerks, das Hackschnitzel aus brandenburgischen Wäldern verwendet, und ein biomethan- betrie be nes Blockheizkraftwerk. Innerhalb der nächsten vier Jahre soll nun die Wärmeversorgung möglichst vollstän dig dekarbonisiert werden – Stichwort: „Wärmedrehscheibe“. „Ich muss den Kunden kennen” Wenn Thomas Bethke das Bild von der „Wärmedrehscheibe“ erklären soll, berichtet er aber nicht etwa von der künf - tigen Abwärmenutzung aus dem Stahlwerk, den geplanten großen Solaranlagen, den Power-to-Heat-Anlagen zur Nutzung überschüssigen Wind stroms und vom riesigen multifunktio na len Wärmespeicher, der all dies zu ei nem System verbinden soll. Statt des sen erzählt Bethke von dem Mehrfa milien - haus, in dem kürzlich der Trinkwasser- Wärmeverbrauch auf ein Vielfaches des Üblichen angestiegen sei. Da jeder Anschluss von den Stadtwerken fernüberwacht wird, habe man des Rätsels Lösung schnell gefunden: Ein frischgebackener Installateur-Meister habe sich in seiner Mietwohnung den Traum von einer privaten Badelandschaft erfüllt. Bethke will mit dem Beispiel sagen: „Ich muss meinen Kunden kennen und wie der sich entwickelt. Für jede einzelne Übergabestation muss ich das wissen, denn der Kontakt zum Kunden ist der Schlüs sel zur Wärmedrehscheibe.“ Und nochmal als Credo: „Wärmedreh schei - be heißt: messen, steuern, regeln.“ Denn wenn künftig insbesondere Solarwärme, womöglich Wind strom, aber auch die plötzlichen Abwärmeschübe des Stahlwerks als fluktuierende Energien ins Wärmenetz geholt werden sollten, dann komme es mehr denn je auf eine hohe Transparenz der Verbrauchsseite, Flexibilität der sonstigen Erzeugung und Speicher an, so Bethke: „Bei der Sonne kann ich keinen Knopf drücken wie bei meinen Heizwerken.“ Der Kontakt zu den einzelnen Kunden sei auch deshalb wichtig, um die Temperaturen im gesamten Netz zu drücken. Denn gerade die Solarkollektoren arbeiten dann effizienter: „Je mehr nichtfossile Energien im System sind, desto wichtiger ist es, die Vorlauf - tempe ratu ren zu senken.“ Womit wir zu guter Letzt doch noch beim Thema angekommen wä ren: Die Rolle der Sonne im künftigen Wärme - netz von Hennigsdorf. Geplant ist 2018 zunächst die Erneuerung der 18 Jahre alten Kollektorflächen (1000 m2) auf den Wohnhäusern des Cohn’schen Vier tels, deren Dachaufbau nicht mehr zeitgemäß ist. Danach kommt eine 3000-Quadratmeter-Kollektoranlage neben ei nem Biomasse-Heizwerk und schließ lich ist ab 2020 der Bau der 15000 Quadratmeter großen Solarthermieanlage am Stahlwerk geplant. „Die Flächen haben wir uns übrigens schon gesichert”, sagt Beth ke beiläufig. Für das obligatorische Pressefoto streift er schnell noch ein Jacket über’s karierte Hemd, und dann geht’s ab zur Weihnachtsfeier. Die Kolleginnen und Kollegen warten schon. Guido Bröer Thomas Bethke will die Fernwärme komplett auf Erneuerbare und Abwärme umstellen. Energiequellen der geplanten „Wärmedrehscheibe” sind u.a.: Abwärme Stahlwerk: Das Walz werk liefert schubweise bis zu 10 MW Abwärme, die in einem Multi funk - tionsspeicher gepuffert werden. Solarthermie: Eine Anlagen mit 15000 m2 Kollek tor fläche sowie weitere dezentrale Anlagen. Biomasseheizkraftwerk: Schon seit 2009 werden 50 % der Fernwärme aus Holzhack schnit zeln gewonnen. Biomethan-BHKW und -HKW: Kleine, flexible Einheiten decken den Spit - zenbedarf, dienen teils als Not - strom versorgung für Industriebe - triebe und sichern die Schwarzstart - fähigkeit des Stromnetzes. Regenerativstrom: Elektrokessel sollen überschüssigen Wind- oder Solarstrom bei geringem Börsen - preis als Wärme nutzbar machen. 100 % ERNEUERBAR Foto: Guido Bröer Solarthermie für Châteubriant In Châteubriant, einer 14000-Einwohner-Kommune im Bezirk Loire Atlantique im Westen Frankreichs, unterstützt jetzt eine Solaranlage das Fernwärmenetz. 200 Großflächenkollektoren des deutschen Herstellers KBB aus Berlin wurden noch im alten Jahr installiert und sollen mit steigendem Sonnenstand dafür sorgen, das der kommu - nale Betreiber möglichst viel Erdgas und Holz als Brennstoff einspart. Mindestens 900 Megawattstunden, so garantiert der Hersteller, sollen pro Jahr aus dem 2500 Quadratmeter großen Kollektorfeld gewonnen und genutzt werden. Eine Reihe von öffentlichen Gebäuden, wie das Kranken - haus, Schu len, das Rathaus, mehrere Sportstätten und das Schwimm bad, sind an das 9,5 Kilometer lange Wärmenetz angeschlossen. Die Investition von 1,5 Millionen Euro wird zu 30 Prozent von der Kommune selbst bezahlt. 70 Prozent För - derung kommt von der französischen Umwelt- und Energieagentur ADEME. Für die Fernwärmebezieher soll sich der Fernwärmepreis ab sofort um 5 Prozent verringern. gb KBB Kollektorbau GmbH, Anja Schmidt, a.schmidt@kbb-solar.com Solare Wärmenetze jetzt auf Twitter Nachrichten und Diskussionen zu solaren Wärmenetzen gibt es jetzt auch per Twitter unter @solnetz. Das Projekt Solnet 4.0, das mit Förderung des Bundeswirtschaftministeriums den Markt für solare Wärmenetze bereiten will, nutzt dafür seit Herbst 2017 auch einen Twitter-Kanal. Unter @solnetz be ziehungsweise „Solare Wärmenetze” zwit schert das Projektteam und freut sich über jeden neuen Follower und auf angeregte Debatten. gb 9 Solare Wärmenetze Januar 2018 200 Großflächenkollektoren auf einer Grünfläche in Châteubriant speisen jetzt Solarenergie ins Fernwärmenetz ein. 11./12. April 2018 in Graz/Österreich 5th International Solar District Heating Conference Die internationale Top-Veranstaltung zum Thema „solare Wärmenetze” findet in diesem Jahr in Graz statt. Für Forscher, Kollektorhersteller und Betreiber solarthermischer Großanlagen ist die Konferenz „Pflicht”. Aber auch Vertreter von Kommunen, Stadt wer - ken oder existierenden Bioenergie - dör fern, für die Solar ther mie eine mögliche Option zur Modernisierung ihrer Wärme ver sor gung ist, sind eingeladen, sich auf der Konferenz fundiertes Wissen zu verschaffen und Kontakt zu Experten und Anbieterun - ter nehmen aufzunehmen. Neben technischen Fragen der Auslegung und Netzeinbindung geht es zum Beispiel auch um Möglichkeiten der Flächen suche oder der Förderung. Exkursionen zu solaren Wärmenetzen verschaffen praktische Einblicke. Registrierung unter: www.solar-district-heating.eu. Bis 11. Februar 2018 gelten Early-Bird-Preise. TERMINE Solarthermie Anlagen Im Norden geht die Sonne auf! garantiert höchste Erträge stabile Wärmepreise schlüsselfertig oder im Contracting Jetzt anrufen und eine unserer über 15.000 m² großen Referenzanlagen in Dänemark besuchen! Savosolar Kühnehöfe 3 | 22761 Hamburg info@savosolar.de | +49 (0) 40 500 349 7-0 GmbH 15:29 Foto: ADEME Solare Wärmenetze Solares Nahwärmeprojekt in Attenkirchen wird stillgelegt Eine Pionieranlage der solaren Wärmeversorgung in der 2700-Einwohner-Gemeinde Attenkirchen soll nach 16 Betriebsjahren stillgelegt werden, weil die konventionellen Komponenten die Erwartungen nicht erfüllt haben. „Es gibt viele solche Anlagen, die gut funktionieren”, stellt Bürgermeister Martin Bormann am Telefon klar, „aber in unserer war von Anfang an der Wurm drin”. Zu oft hätten Bewohner der angeschlossenen zwei Dutzend Wohnhäuser in der Vergangenenheit in kalten Räumen sitzen oder kalt duschen müssen. Außerdem machten hohe Stromkosten für den Betrieb der Pumpen und Wärmepumpen die Anlage für die 2700-Einwohner-Gemeinde, der sie gehört, zu einem Zuschussgeschäft. Deshalb will der Gemeinderat jetzt einen Schluss strich ziehen, die Anlage still legen und die Hausbe - sitzer entschädigen. Mit hohem Anspruch war die Anlage, deren Herzstück ein 800 Quadratmeter großes Solardach und ein saisonaler Hybrid- Wärmespeicher ist, 2002 in Betrieb gegangen. Und im Prinzip, so Manfred Reuß, Gruppenleiter für Solarther mie und Geothermie im Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE), habe die Anlage die Erwartungen auch erfüllt. Immerhin 75 Prozent der in den Gebäuden übers Jahr verbrauchten Wärmeenergie seien von der Solaranlage gelie - fert worden. „In all den Jahren haben wir keine Störung an der Solaranlage gehabt”, sagt Reuß. Auch der einzigartige saiso - nale Speicher, bei dem ein unter irdischer Wassertank von einem Erdsondenfeld umgeben ist, habe gut funktioniert. Bei einem Vergleichstest verschiedenartiger saisonaler Solarspeicher habe die Attenkirchener Solaranlage sogar als die preiswerteste abgeschnitten, erklärt Reuß, und es schwingt ein bisschen Stolz mit, denn das ursprüngliche Konzept stammt von ihm und seinem ZAE-Team. Probleme habe es jedoch in Attenkirchen von Anfang an mit der konventionellen Fernwärmetechnik gegeben, erin - nert sich Reuß. Schon bei der Ausschreibung habe man nur auf’s Geld geschaut. Weil es gerade kein passendes Förderprogramm des Bundes gab, habe man an den falschen Stellen zu sparen versucht. Die Elektrowärmepumpen seien nicht die effizientesten und auch konventionelle Pumpen seien zu zahlreich eingeplant und zu groß dimensioniert worden. Von Anfang an hätten auch die Hausübergabestationen Ärger gemacht, die für klassische Hochtemperatur-Fernwärmenetze ausge legt und für das Niedertemperaturnetz von Atten - kirchen nicht geeignet seien. gb Mit den schlüsselfertigen Solarwärme-Großanlagen von Arcon-Sunmark erzeugen Sie Ihre eigene Wärme und sparen damit nicht nur echtes Geld, sondern unterstützen aktiv den Umweltschutz. Als Marktführer mit über 25 Jahren Erfahrung in Großanlagen ist Arcon-Sunmark ein kompetenter Ansprechpartner rund um die Beratung, Installation und Betreuung individueller Solarthermie-Anlagen. 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