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Auszug aus: Energiekommune 10/22

Energiekommune 10/2022 ls Mecklenburg-Vorpom merns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die 18.700 Quadratmeter Bruttokollektorfläche messende Solarwärmeanlage symbolisch startete, hatten die Kollektoren bereits im sechswöchigen Probebetrieb zuverlässig Fern wär me für die Hansestadt geliefert. An sonnigen Augusttagen konnte die bislang größte Solarthermieanlage Deutsch lands zeitweilig schon die gesamte Leistung liefern, die das gut ausgebaute Netz der Hansestadt im Som - mer benötigt – mitunter sogar et was mehr. Überschüsse gehen in sol chen Fällen in die vorhandenen Wärmespeicher am benachbarten Heizkraftwerk. Der Bereichsleiter Erzeugung der Stadtwerke Greifswald, Robert Kauert, erklärte den Einweihungsgästen am Beispiel eines sonnigen Augusttages, des 2. Augusts 2022, die typische Ertragskurve der Solaranlage. An diesem Tag mit solarem Bilderbuchwetter ha - ben die Kollektoren 65 Megawattstun - den geerntet. Übers Jahr erwarten die Stadtwerke einen Energieertrag der Solarthermieanlage von etwa acht Gigawattstunden, was gemessen an der gesamten Fernwärmeeinspeisung der Stadt werke einen Anteil von 3 bis 4 Prozent ausmachen wird. Günstig für den Einsatz der Solarthermie in Greifswald ist, dass es hier verfügbare Flächen unmittelbar neben dem Heizkraftwerk gibt. Zum Teil gehören sie einer Stiftung, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Sie freut sich nun über die Pachteinnahmen von den Stadtwerken. Die Stadt hat die Flächen über einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan für die Solarnutzung zugäng - lich gemacht. langwierige genehmigung Dabei zog sich das gesamte Genehmigungsverfahren über 30 Monate. Zeitraubend waren die natur- und artenschutzrechtlichen Prüfungen. Darüber wurde die Zeit immer knapper. Denn als Fördermodell für die Anlage hatten sich die Stadtwerke für die seinerzeit neu vom Bund im KWK-Gesetz eingeführten iKWK-Ausschreibungen entschieden. Das Kürzel iKWK steht für „innovative Kraft-Wärme-Kopplung“. Die Solarthermieanlage wird dabei mit einem Elektrodenkessel und einem klassischen Gas-Blockheizkraftwerk zusammengefasst. Das Greifswalder Projekt erhielt gleich in der ersten iKWK-Ausschreibungsrunde Ende 2017 einen Zuschlag. Seitdem tickte die Uhr. Denn für iKWKProjekte sieht der Gesetzgeber ab dem Zeit punkt des Zuschlags eine Realisierungszeit von vier Jahren vor. Anson s - ten drohte die Förderberechtigung zu verfallen. Stadtwerke-Geschäftsführer Thomas Prauße kritisiert: „Bei 48 Monaten Umsetzungsfrist sind 30 Monate für das Genehmigungsverfahren kri tisch.“ Seine Botschaft: Genehmigungen müssen gerade auch mit Blick auf die klima- und energiepolitischen Notwendigkeiten schneller gehen. Zumal das Greifswalder Projekt dann von der Genehmigungs- in die Corona- Phase schlitterte. Unter anderem habe die Corona-Pandemie zu Lieferverzögerungen bei der Steuerungstechnik geführt, erinnert sich Kauert. Am Ende hat aber alles geklappt. Und die Stadtwerke freuen sich jetzt auf die nächste Bauphase, in der sie einen 6000 Kubikmeter fassen den Speicher - tank realisieren wollen. Er würde nicht nur die Fexibilität des gesamten Erzeugungsparks auf der Stromseite erhöhen, sondern könnte perspektivisch neben Solarwärme auch Windwärme spei - chern, falls Überschussstrom aus Wind - kraftwerken in der Region mit dem vorhandenen 5-MW-Elektrodenkessel zu Wärme gemacht würde. Guido Bröer Am 15. September haben die Stadtwerke Greifswald die bislang größte Solarthermieanlage in Deutschlands feierlich in Betrieb genommen.Ein Ausbau großer Solarthermieanlagen für die Fernwärme ist auf siedlungsnahe Freiflächen angewiesen. Expert:innen ermuntern Kommunen zu proaktivem Flächenscreening. Auch Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene sind gefragt. Denn bislang genießen regenerative Wärmetechnologien keine so eindeu tige Privilegierung in der Flächenfrage wie beispielsweise im Strombereich die Windkraft. Die politische Diskussion darüber steht noch am Anfang. Im Juli 2022 haben Bundestag und Bundesrat in § 2 des Erneuerbare-Energien- Gesetzes (EEG) einen Passus hi - nein geschrieben, der aufhorchen lässt und dessen Bedeutung für die Genehmigungsbehörden kaum zu überschätzen ist: Die Errichtung und der Betrieb von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien liegen demnach „im überragenden öffentlichen Interesse und dienen der öffentlichen Sicherheit. Bis die Stromerzeugung in Deutschland nahe - zu treibhausgasneutral ist, sollen die erneuerbaren Energien als vorrangiger Belang in die jeweils durchzuführenden Schutzgüterabwägungen eingebracht werden.“ Doch die Neuregelung im EEG gilt bislang nur für stromerzeugende Regenerativtechnologien wie Photovoltaik und Wind kraft. Der Wärmesektor, der vor allem für Solarthermie und künftig auch für Saisonalspeicher ebenfalls einen Bedarf an Freiflächen hat, bleibt bislang außen vor. Ähnliches gilt für die Privilegierungstatbestände für das Bauen im Außenbe reich nach § 35 des Baugesetzbuches (BauGB), wo zumin - dest die Windenergie namentlich erwähnt ist, die Solartechnologien allerdings nur an oder auf Gebäuden. Beim Bundesverband Erneuerbare Energien hat man das Problem erkannt. Dessen Präsidentin Simone Peter sagte gegenüber Energiekommune: „Um die Wärmewände auf Kurs zu bringen, sind erneuerbare Wärmeprojekte rechtlich mit Projekten zur Stromerzeugung gleich zusetzen. Dafür ist die Privilegierung der erneuerbaren Wärmeerzeu - gung in § 35 Baugesetzbuch zu verankern, wie es für Windkraft und Stromerzeugung bereits gilt. Weiterhin ist der Genehmigungstatbestand mit umfassender Konzentrationswirkung einzuführen. Dieser sollte alle erforderlichen Einzelgenehmigungen und Planverfahren beinhalten. Und drittens sollte der in § 2 EEG festgelegte Vorrang in der Schutzgüterabwägung die Dekarbonisierung der Wärme mithilfe erneuerba - rer Energien mit einbeziehen.“ Diese Forderungen unterstützt auch Felix Landsberg, der beim Ham - burg Institut zahlreiche Genehmigungsverfahren für große Solarthermiean la - gen untersucht hat. Die Genehmigungsbehörden seien aufgrund der unklaren Vorgaben oftmals verunsi - chert, wie sie mit dieser in Deutschland noch seltenen Technologie der Freiflächen- Solarthermie umgehen sol len, berichtet Landsberg. Aufgrund der fehlenden eindeutigen Privilegierungsregeln sei es längst nicht überall so effizient gelau fen, wie bei der zwei Hektar gro - ßen Solarthermieanlage der Stadtwerke Lem go. Die wurde auf Basis von § 35 BauGB genehmigt. Aufgrund der Verbindung mit der Großwärmepumpe habe es für das Kollektorfeld keine Stand ortalternative gegeben. Nicht über all sind Genehmigungsbehörden so kooperativ. Das Hamburg Institut sieht aller - dings nicht nur den Bundesgesetzgeber in der Pflicht, klare Privilegierungstat - bestän de zu schaffen, mit denen die große Solarthermie eine Chance auf genügend große Flächen in Siedlungs nä - he er hält. Ebenso wichtig seien die Länder. Im Zuge der Landesentwicklungspläne, so Landsberg, hätten sie das rich tige Werkzeug, um den Flächenbedarf der Solarthermie zu berücksich - tigen und die Notwendigkeit zur Beachtung ihrer besonderen Standorterfordernisse festzuschreiben. Vor allem aber hofft Landsberg auf die Kommunen: „Gemeinden sollten Flächen auf ihrem Gebiet proaktiv auf die Eignung für die Solarenergie untersuchen. Das Verfahren bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten. Es ist in jedem Fall sinnvoll, denn eine Bestandsaufnahme der Energieflächen erlaubt die Steu - e rung neu er Projekte.“ gb flächen für Solarthermie Wärmenetze Seit 15. September gilt BeW-förderung Seit dem Start der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) am 15. September können Wärmenetzbetreiber wie Stadtwerke, Kommunen oder Bürgerenergiegesellschaften Bundeszuschüsse für die Transformation und den Neubau von Wärmenetzen auf Basis erneuerbarer Energien beantragen. Vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gibt es seitdem Förderungen in drei verschiedenen Ausprägungen. Im ersten Schritt fördert das Amt sogenannte Transformationspläne und Machbarkeitsstudien, die mit bis zu 50 Prozent gefördert werden. Sie müssen nach vorgegebenen Kriterien verbindlich skizzieren, wie in bestehenden Wärme netzen bis spätestens 2045 der Übergang zur Treibhausgasneutralität bewerkstelligt werden soll. Die Mach - barkeits studien für neue Wärmenetze haben sich von vornherein am Ziel eines mindestens 75-prozentigen Anteils von erneuerba ren Energien und/oder Abwärme zu orientieren. Gefördert werden können die Netze, die mindestens 16 Gebäude oder 100 Wohneinheiten versorgen. Im zweiten Fördermodul bezuschusst das BAFA Maßnahmen, die sich aus einem in Modul 1 geförderten Transformationsplan oder einer Machbarkeitsstudie ergeben, mit bis zu 40 Prozent. Allerdings kann die Förderung nur bis zum Niveau der Wirtschaftlichkeitslücke erfolgen, die von einem Wirtschaftsprüfer zu attestieren ist. Gleiches gilt für Betriebskostenzuschüsse, die es in der BEW zusätzlich zu den Investitionskostenhilfen gibt. Das Förderprogramm sieht solche laufenden Zuschüsse allerdings nur für bis zu zehn Jahre und nur für zwei Technolgien vor, nämlich Solarthermie und elektrische Wärmepumpen (vgl. Energiekommune 9/22). Wollen Wärmenetzbetreiber kurzfristig Einzelmaßnah - men, beispielsweise eine Solarthermieanlage, realisieren, ohne zuvor erst einen zeitaufwendigen Transformationsplan zu machen, so kann der Betreiber ebenfalls 40 Prozent Investitionsförderung beantragen. Allerdings gibt es dann keine Betriebskostenbeihilfe. gb Bessere erdbecken-Wärmespeicher Um große Mengen an beispielsweise Solar- oder Abwärme über Monate zu speichern, haben sich in der Praxis Erdbecken- Wärmespeicher bewährt. Die bislang realisierten Systeme zeigen aber einige Kinderkrankheiten, die jetzt ein Forschungskonsortium beheben will. Während im schleswig-holsteinischen Meldorf derzeit Deutschlands größter Erdbecken-Wärmespeicher gebaut wird, tüfteln beim Steinbeis-Forschungsinstitut Solites in Stuttgart Wissenschaftler:innen an der Weiterentwicklung der Technologie und an praktischen Tools für die Anwendung der Multifunktionsspeicher in Wärmenetzen. Bewährt hat sich dieser Speichertyp unter anderem, um Sommersonne für den Win ter als Fernwärme verfügbar zu machen. Gefördert wer - den die Forschungsarbeiten vom Bundeswirtschaftministe - rium im Projekt „Efficient Pit“. Konsortialführer ist die Solmax Geosynthetics GmbH, die mit ihren Dichtungsbahnen welt - weit schon etwa ein Dutzend Erdbecken-Wärmespeicher ausgestattet hat. Dem Unternehmen geht es unter anderem um die Entwicklung noch hitzebeständigerer Dichtungsbahnen. Außerdem arbeitet es an einem neuartigen System für die isolierende Speicherabdeckung. Es soll das Management von Oberflächenwasser und Dampfdiffusion verbessern.

2022-10-18T10:32:48+02:00Dienstag, 18. Oktober, 2022|

Flaschenhals Fläche

www.solare-wärmenetze.de Infoblatt Nr. 12 Ein Trend bei der Solarthermie in Deutschland geht in Richtung Großflä- che. Bestes Beispiel dafür ist die aktu- ell in Kempen geplante Anlage: Errich- tet auf einer Grundfläche von 12 Hektar, soll sie mit 60.000 m² Kollektorfläche bis zu 15 Prozent des Fernwärmebe- darfs der 35.000-Einwohner-Stadt decken. Nach den bisherigen deut- schen Spitzenreitern – den Solarther- mieanlagen in Ludwigsburg (14.800 m²) und Greifswald (18.700 m²) – wird damit eine neue Größenordnung erreicht. FLÄCHEN FINDEN Wie bei allen Anlagen stand jedoch auch in Kempen vor der technischen Planung die schwierige Frage: Wo sind geeignete Flächen zu finden? Und da sich diese Frage perspektivisch immer öfter stellen wird, bedarf es einer sys- tematischen und strukturierten Heran- gehensweise, um weitere Flächen für den Ausbau der erneuerbaren Wär- meversorgung zu identifizieren und auszuweisen. Der Ausbau von Freiflächen-Solarthermie schreitet stetig voran. Ökologisch und ökonomisch sind Frei- flächenanlagen ein sehr effektives Mittel, um zur Dekarbonisierung von Wärmenetzen beizutragen. Doch es gibt ein erhebliches Hemmnis, das den schnellen Ausbau der Technologie bremst: der Flächenbedarf. Strukturierte Flächenanalysen können hier Abhilfe schaffen. ROSTOCK Überblick auf das Netzgebiet der Haupt- stränge des Wärmenetzes in Rostock, im Rahmen des Wärmeplans als Basis für eine strukturierte Flächenanalyse genutzt Darauf aufbauend wurden Flächen und Bereiche identifiziert, die sich technisch für eine solarthermische Einspeisung in das Fernwärmenetz eignen. Quelle: Hintergrundbild: © GeoBasis-DE/M-V 2022 Netzdaten: Stadtwerke Rostock FLASCHENHALS FLÄCHE Flächenhemmnissen durch Flächenanalyse strukturiert begegnen Foto: SWLB Infoblatt Nr. 12 Im Zuge der verpflichtenden kom- munalen Wärmeplanung in einigen Bundesländern (u. a. Schleswig-Hol- stein und Baden-Württemberg) rückt auch die Planung und Ausweisung von Flächen für die Energiegewinnung zunehmend in den Fokus. Die Wärme- wende wird in Zukunft nicht nur die Art der Versorgung, sondern auch die Kul- turlandschaft beeinflussen. Vor allem Photovoltaik (PV) und Solarthermie bieten großes Potenzial, auf Freiflächen kostengünstig Energie zu gewinnen. Speziell die Solarther- mie ist dabei auf die direkte räumliche Anbindung an ein Wärmenetz ange- wiesen, damit die Anlagen ökonomisch sinnvoll betrieben und Wärmetrans- portverluste minimiert werden können. Daher ist es wichtig, dass besonders bei den tendenziell knappen stadt- nahen Flächen abgewogen wird, ob Solarthermie der Photovoltaik gegen- über bevorzugt wird. Eine frühzeitige Analyse der Flächen bildet den Unterbau für den Entschei- dungsprozess der Wärmenetz-Trans- formation. So lässt sich bereits vor der konkreten Planung herausfinden, ob durch Solarthermie Wärme kosten- günstig bereitgestellt und eine sozial- verträgliche Wärmewende unterstützt werden kann. Das generelle Problem begrenzter Flächen löst eine Flächenanalyse zwar nicht – sie ermöglicht aber, auf Basis einer fundierten Abwägung die Flächen zu finden, die sich in einer Kommune oder Region am besten für erneuer- bare Energiegewinnung eignen. Zudem wird dadurch der Flächenbedarf zur klimaneutralen Wärmegewinnung auf den Tisch der Raumplanung gebracht. Doch wie läuft eine Flächenanalyse ab? An erster Stelle steht die Bestands- aufnahme. In den raumordnerischen Zielen ist auf verschiedenen Ebenen (Landesentwicklungspläne LEP, regi- onale Raumentwicklungsprogramme RROP) oder Erlässen (SH) festgelegt, welche Flächen von der Bebauung mit Solaranlagen ausgeschlossen sind. Zusätzlich werden Kriterien ausge- wiesen, die keinen Ausschluss bedin- gen, aber eine sehr genaue Prüfung im Einzelfall erfordern – im Folgenden als „weiche Tabus“ für die Errichtung einer Freiflächenanlage bezeichnet. Flächen u. a. entlang stark befahre- ner Straßen oder Schienenstrecken sowie Konversionsflächen werden je nach konkreten Ausführungen als Bereiche mit besonders guter Eig- nung ausgewiesen. In diesen Berei- chen liegt bereits eine infrastrukturelle Belastung vor, die das Freiraumpoten- Im Gespräch: Uwe Hempfling, Mitarbeiter der Klimaschutzleitstelle im Amt für Umwelt und Klima- schutz, Stadt Rostock Vor welchem Hintergrund haben Sie eine kommunale Flächenanalyse durch- geführt? Im Zuge der Erstellung eines Wärme- plans für Rostock wurde unter anderem auch das Potenzial für Freiflächen- Solarthermie im Stadtgebiet in einem Fachgutachten untersucht. Basis des Gutachtens war die Durchführung eines Flächenscreenings im Hinblick auf geeignete Flächen mit Parametern wie z. B. geringen naturschutzrechtlichen Raumwiderständen, Mindestflächen- größen und kurzer Anbindung an das vorhandene Fernwärmenetz. Aber auch Eigentumsfragen oder anderweitige perspektivische Nutzungsansprüche wurden mit den zuständigen Fachämtern abgeklärt. Welche Vorteile hatte die Flächenana - lyse und hat es sich bewährt, alle Sta - keholder gemeinsam einzubinden? Das Flächenscreening ermöglichte eine systematische und strukturierte Flächensuche über das gesamte Stadt- gebiet. Es erfolgte unter Beteiligung u. a. der Stadtwerke Rostock, des Stadt- planungsamtes, des Grünamtes und des Umweltamts. Dadurch wurden die Beteiligten auch grundsätzlich über die Bedarfe der Wärmewende in Rostock informiert und sensibilisiert. Die Rah- menbedingungen und Restriktionen aus den unterschiedlichen Fachbereichen wurden sichtbar. Wie zu erwarten war, bestehen im urbanen Umfeld große Flächenkonkurrenzen. Was wird nach aktuellem Stand aus den Flächen, die in dem Prozess identifiziert wurden? Der ermittelte Flächenpool dient als Diskussionsgrundlage für weitere Ent- scheidungen und wird im Anschluss an die Fertigstellung des Wärmeplans mit den Fachämtern weiter konkretisiert. Eine Auswahl der ermittelten Flächen- potenziale soll auf der Ebene der Bau- leitplanung langfristig gesichert und für die strategische Flächenbevorratung genutzt werden. Nutzbar ist der Flä- chenpool auch für Flächenbedarfe ande - rer erneuerbarer Energieformen oder saisonale Wärmespeicherlösungen wie z. B. Erdbeckenspeicher. Würden Sie anderen Kommunen diese Art der Flächenanalyse weiterempfeh- len? Ja, das Flächenscreening ist eine wich- tige Grundlage für die Erstellung eines kommunalen Wärmeplans und dient der langfristigen Planung und Absicherung der kommunalen Wärmewende. „SYSTEMATISCHE FLÄCHENSUCHE ÜBER DAS GESAMTE STADTGEBIET“ Quelle: Stadt Rostock

2022-09-14T10:27:48+02:00Montag, 1. August, 2022|

Projektfaltblatt SolnetPlus

Große Solarthermieanlagen beschleunigen die kommunale Wärmewende ersetzen fossile Brennstoffe in städtischen Wärmenetzen versorgen ländliche Nahwärmenetze sind wirtschaftlich und kostenstabil sind mit anderen Wärmeerzeugern (z.B. BHKW) kombinierbar www.solare-wärmenetze.de Solare Wärmenetze für den kommunalen Klimaschutz Wärme macht über 50 % der in Deutschland jährlich benötigten Endenergie aus Emissionsfreie Wärme im großen Stil Bereits rund 45 solarthermische Großanlagen in Deutschland speisen Son- nenenergie in Wärmenetze ein und versorgen damit Haushalte, öffentliche Gebäude und Betriebe mit Wärme für Heizung und Warmwasser. Die Wärme aus Solarthermieanlagen ist emissionsfrei, Solarwärme ist über- all verfügbar. Durch Anschluss an ein solares Wärmenetz kann die Wende von fossilen Brennstoffen zu erneuerbarer Wärme für ganze Stadtviertel gelingen. Technisch und betriebswirtschaftlich verlässlich Die Technik solarthermischer Großanlagen und Wärmenetze ist ausgereift und marktverfügbar. Die Wärmepreise sind auf Jahrzehnte im Voraus berechenbar und unabhängig von Preisen anderer Energieträger. Solarthermieanlagen können in bestehende Wärmenetze eingefügt werden, dort vorhandene Wärmeerzeuger ergänzen und fossile Energie- träger ersetzen. Förderung für Planung und Investition Fördermittel zur Erstellung von Wärmeversorgungskonzepten, z.B. einer kommunalen Wärmeplanung, sowie zur Errichtung von Wärmenetzen und Solarthermieanlagen stehen bereit. Ein solares Wärmenetz für Ihre Kommune Mit dem Ausbau von solaren Wärmenetzen können Kommunen einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Sie tragen damit zur kommunalen Daseinsvorsorge bei und fördern zugleich die regionale Wertschöpfung. Um Kommunen bei der Planung solarer Wärmenetze zu unterstützen, bietet SolnetPlus: • Infotouren • Planungsworkshops • Methodik für strukturierte Flächenanalyse • Publikationen Solarthermie in Ihrem Portfolio – Ihr innovatives Wärmenetz Große Solarthermieanlagen werden von Wärmeversorgern und Stadtwerken aus betriebswirtschaftlichen Gründen und als Maßnahme des lokalen Klimaschutzes realisiert. Die langfristige wirtschaftliche Lösung mit sta- bilen Wärmekosten und technischer Flexibilität ist bewährt. SolnetPlus bietet für Wärmeversorger, Stadtwerke und weitere Marktakteure: • Teilnahme an Projektkreisen • Informations- und Schulungsangebote KOMMUNENPOLITIK & BEHÖRDEN WÄRMEVERSO RG ER Solare Wärmenetze – planen und genehmigen Für die Realisierung von Solarthermie-Freiflächenanlagen sind einfache und in den einzelnen Bundesländern einheitliche Genehmigungsverfahren eine zentrale Voraussetzung. Um die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, bietet SolnetPlus: • Analyse bisheriger Genehmigungsverfahren • Leitlinien und Mustergenehmigungsverfahren • Erprobung an konkreten Projekten • Handlungsempfehlungen und Workshops

2022-07-15T12:47:52+02:00Dienstag, 1. Februar, 2022|

Wärmenetze in kleinen Kommunen

14 eit Wochen schon stapeln sich auf einer Wiese am Ortsrand von Breiten holz Fernwärmerohre. Jetzt haben die Bagger damit begon - nen, die Straßen des 750-Einwohner- Dorfes aufzureißen, das malerisch am Rande des Naturparks Schönbuch liegt. Holz ist hier reichlich vorhanden, mit dem künftig die drei Kessel in der neuen Heizzentrale des Ortes gefüttert werden sollen. Sie ersetzen weit über 100 Einzelhei zungen in den Gebäuden. Zu drei Vierteln sind das alte Ölkessel, denn ein Gasnetz gibt es in Breitenholz nicht. Vom „Öldorf“ zum „Bioenergiedorf“ – das wäre an sich schon eine spannende Geschichte. In der Fachwelt wird Breitenholz aber wohl eher als „Solar dorf“ von sich reden machen. Denn das mehr als 2000 Quadratmeter große Solarkollektorfeld soll den Wärmebedarf des Ortes übers Jahr zu 37 Prozent decken. Das ist ein rund doppelt so hoher Solaranteil wie in dem guten Dutzend anderen Solar-Bioenergiedörfern, die deutschlandweit schon in Betrieb sind. Für Günther Gamerdinger, Genossenschaftsvorstand der Tübinger Energiegenossenschaft, die das Wärmenetz in Breitenholz initiiert hat und die als Komplementärin an der örtlichen Bürgerenergie- Gesellschaft beteiligt ist, ist der hohe Solaranteil ein logischer Schritt: „Auch mit dem Holz verbrennt man wertvolle Ressourcen. Deshalb ha - ben wir gesagt, wir möchten die Kraft der Sonne nutzen, um die Ressource Holz ein Stück weit zu entlasten.“ Speicher macht den Unterschied Die technische Möglichkeit für den hohen Solaranteil schafft ein zehn Meter hoher Speicher. Dank ihm steht die geerntete Solarenergie auch an weniger sonnigen Tagen zur Verfügung. In bisherigen Solar-Bioenergiedörfern mit vergleichsweise kleineren Kollektorfeldern und Speichern trump fen die Solaranlagen vor allem im Sommer auf, wenn sie den niedrigeren Wärmebedarf im Netz komplett decken. Hingegen soll das Zusammenspiel von Kollekto ren und Speicher in Breitenholz auch in den kühleren Übergangsjahreszeiten und sogar an sonnigen Wintertagen nennenswerte Beiträ ge leisten. Ihr Netz werden die Breitenholzer Bürger:innen selbst betrei ben. Mit Kommanditanteilen von jeweils mindestens 1000 Euro haben sie sich an der eigens gegründeten örtlichen Betreibergesellschaft beteiligt. Das finan zielle und techni sche Know-how organisiert dabei die Genossenschaft Bürger-Ener - gie Tübingen, die als Komplementärin der Bioenergie Breitenholz eG & Co. KG im Boot ist. Die Tübinger Genossen haben seit vielen Jahren Erfahrung mit Photovoltaikanlagen. In Breitenholz wagen sie sich erstmals an ein Wärmeprojekt. Und wenn man sich umschaut im Ländle, dann gibt es immer mehr solcher gemeinschaftlichen und kommunalen Initiativen im Wärmebereich. In der Region Neckar-Alb ist Breitenholz eines von mehreren Vorzeigeprojekten, mit denen der Regionalverband Neckar- Alb und die drei jeweils kreisweit organisierten Klimaschutzagenturen für die Idee ländlicher Wärmenetze werben. Unterstützt durch EU-Geld versuchen sie im Projekt ENTRAIN mit solchen guten Beispielen auch andere Kommunen von den Vorzüge gemeinschaftli - Energiekommune 10/2021 Beim Thema „Kommunale Wärmeplanung“ ist Baden-Württemberg Vorreiter. Für Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern ist die Erstellung eines Wärmeplans dort Pflicht. Für kleine Kommunen wird Wärmeplanung seit dem 1. Oktober gefördert. Einige Kommu nen in der Region Neckar-Alb wollten darauf nicht warten. Sie realisieren bereits Wärmenetze mit erneuerbaren Energien in unterschiedlichen Modellen. Foto: Guido Bröer Wärmenetze in kleinen Kommunen S cher Wärmeversorgung mit erneuerbaren Energien zu überzeugen. Das wichtigste Argument ist dabei neben dem Klimaschutz eine hohe regionale Wertschöpfung anstelle der bisherigen Energieimporte. Obendrein werden die Energiepreise durch heimische Erneuerbare absehbar stabiler bleiben, was Sicherheit gibt und somit auch eine soziale Komponente hat. Und noch einen anderen sozialen Aspekt sieht Franziska Kenntner, die Bürgermeisterin von Mehrstetten, wenn sie an das kurz vor dem Baube - ginn stehende Wärmenetz der Kommune denkt: „Ich glaube, dass es den Zusammenhalt fördert. Mein Nachbar hat die gleiche Wärme, und der, der eine Straße weiter wohnt, hat sie auch. Das hilft, den Zusamenhalt zu stärken.“ Zumal auch in Mehrstetten, mit 1450 Einwohnern hoch auf der schwäbischen Alb gelegen, die Antreiberin der örtlichen Wärmewende eine Genossenschaft ist – die Energie für Bürger Mehrstetten eG. Die hat sich eigens für Planung, Bau und Betrieb des Netzes im Ort gebildet. Genossenschaftsvorstand Rolf Schiller ist begeistert von der Idee des gemeinsamen Wirtschaftens: „Das hat ja auch was urdemokratisches, wie man es in modernen Gesellschaften, die so komplex sind wie unsere, kaum noch findet.“ Seit drei Jahren engagieren sich die Mehrstetter:innen für ihr Wärmenetz. Ausgehend zunächst von einem Quartierskonzept zur Versorgung von städtischen Gebäuden wie Schule, Rathaus und Kindergarten ist die Idee gewach - sen. Nach drei Jahren intensiver Diskussionen, des Planens und der Überzeugungsarbeit werden viele Hausbesit - zer:innen in Mehrstetten vielleicht schon im kommenden Jahr die Möglichkeit zum Anschluss an eine CO2- neutrale Wärmeversorgung mit Holz haben, um die sich die meisten viel weniger kümmern müssen als um ihre heutige Solo-Heizung, obwohl ihnen alles gemeinsam gehört. Lokale Wertschöpfung Im 20 Kilometer entfernten Pfron - stetten verfolgt Bürgermeister Reinhold Teufel einen etwas anderen Ansatz, Dort liegen sogar schon bislang ungenutzte Wärmelei tungen zwischen drei kommunalen Gebäuden, dem Kindergarten, der Schule und einer Veranstaltungshalle. Die Rohre hat der Gemeinderat bei passender Gelegenheit vor einigen Jahren vorsorglich mit verlegen lassen, um diese Liegenschaften eines Tages zentral zu versorgen, wenn die bereits betagten Einzelheizungen zum Austausch anstünden. Inzwischen allerdings ist die Idee weiter gewachsen. Die Gemeinde selbst will auch ihren Bürger:innen eine Fernwärmeversor - gung anbieten. Darin unterscheidet sich das Pfronstetter Modell von Breitenholz und Mehrstetten. Während dort Bürgerenergiegesellschaften die Projekte organisieren, will die Gemein - de Pfronstetten selbst investieren. Für Teufel liegt das nicht nur deshalb auf der Hand, weil seine Gemeinde über ausreichend Eigenkapital verfügt, das aktuell keine Zinsen bringt. Er möchte auch die Entscheidungs ho heit in kommunaler Hand halten: „Wir wollen Eigentümer des Netzes sein, um so auch bei der Preisgestaltung später im Interesse der Kunden ein Wort mitsprechen zu können.“ Die CO2-neutrale Energie sollen in Pfronstetten die heimischen Wälder und die Solarthermie liefern. Die Gemeinde besitzt selbst Wald und möchte ihr Holz vor Ort nutzen. „Viel wichtiger sind aber hier in der Region die privaten Waldbesitzer“, sagt Teufel. „Sie bekommen die Möglichkeit ihr Holz an den Betreiber des Heizwerkes zu verkaufen und so die regionale Wertschöpfung daraus zu generieren.“ Private Initiative Wie gut dies funktioniert, lässt sich be - reits in Rosenfeld im Zollernalbkreis zwischen Schwarzwald und schwäbischer Alb erkunden. Dort betreibt der Forstunternehmer und Holzhändler Günter Rauch seit 10 Jahren ein Heiz - werk samt Wärmenetz. Ausgehend auch hier von ersten kommunalen Gebäuden hat er sein Netz inzwischen in mehreren Stufen ausgebaut. Heute versorgt Günter Rauch mit seiner Naturenergie Kleiner Heuberg GmbH & Co. KG 27 Gebäude verschiedener Größe. W Ä R M E N E T Z E Heute schon an morgen denken: Mit einem Nahwärmenetz die kommunale Energiewende gestalten! EN ENE ENER ENERP ENERPI ENERPIP ENERPIPE u un unt unte unter unters unterst unterstü unterstüt unterstütz unterstützt S Si Sie a al als S Sy Sys Syst Syste System Systema Systeman Systemanb Systemanbi Systemanbie Systemanbiet Systemanbiete Systemanbieter b be bei d de der K Ko Kon Konz Konze Konzep Konzept Konzepti Konzeptio Konzeption ei ein eine eines N Na Nah Nah- o od ode oder F Fe Fer Fern Fernw Fernwä Fernwär Fernwärm Fernwärme Fernwärmen Fernwärmene Fernwärmenet Fernwärmenetz Fernwärmenetze Fernwärmenetzes Fernwärmenetzes. A Au Auß Auße Außer Außerd Außerde Außerdem s st ste stel stell stelle stellen w wi wir a al all alle Ko Kom Komp Kompo Kompon Kompone Komponen Komponent Komponente Komponenten f fü für d di die W Wä Wär Wärm Wärme Wärmev Wärmeve Wärmever Wärmevers Wärmeverso Wärmeversor Wärmeversorg Wärmeversorgu Wärmeversorgun Wärmeversorgung b be ber bere berei bereit bereit: Ro Roh Rohr Rohr- u un und V Ve Ver Verb Verbi Verbin Verbind Verbindu Verbindun Verbindung Verbindungs Verbindungst Verbindungste Verbindungstec Verbindungstech Verbindungstechn Verbindungstechni Verbindungstechnik Verbindungstechnik, Ü Üb Übe Über Überg Überga Übergab Übergabe Übergabet Übergabete Übergabetec Übergabetech Übergabetechn Übergabetechni Übergabetechnik u us usw usw. Me Meh Mehr I In Inf Info Infor Inform Informa Informat Informati Informatio Information Informatione Informationen b be bei beim k ko kos kost koste kosten kostenl kostenlo kostenlos kostenlose kostenlosen O On Onl Onli Onlin Online Online- S Se Sem Semi Semin Semina Seminar a am 22 22. 22.1 22.10 22.10. o od ode oder 2 25 25. 25.1 25.11 25.11. J Je Jet Jetz Jetzt a an anm anme anmel anmeld anmelde anmelden u un unt unte unter sm sma smar smart smarte smarte- n na nah nahw nahwa nahwae nahwaer nahwaerm nahwaerme nahwaerme. d de de! www.enerpipe.de Und die Stadt will mehr. Mit einem Quartierskonzept hat sie die Potenziale in der gesamten Kernstadt mit 691 Gebäuden ermittelt. Überwiegend wer - den diese heute mit Ölkesseln beheizt und zu einem beachtlichen Teil auch mit elektrischen Nachtspeicherheizungen. Und 40 Prozent der Wärmeerzeu - ger sind älter als 20 Jahre. Zudem sind die Möglichkeiten zur Wärmedäm - mung in den vielen Fachwerkhäusern des historischen Stadtkerns schon aus Denkmalschutzgründen eher begrenzt. „Wir haben durch das Quartierskonzept viele interessante Erkenntnisse gewonnen, die wir jetzt sukzessive umsetzen wollen“, sagt Rosenfelds Bürgermeister Thomas Miller. Er setzt nun mit dem Gemeinderat auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Fernwärme. „Die Leute sind damit sehr zufrie den“, sagt er und verweist unter anderem auf das kürzlich angeschlos sene Freibad, das nun auch an kühlen Tagen mit angenehmen Temperaturen lockt. Wärmeplanung als Pflicht Wie Rosenfeld so werden demnächst viele Kommunen in Baden-Württem - berg systematisch ihre Wärmeplanung in die Hand nehmen. Was für die 103 Kommunen ab 20.000 Einwohnern ab diesem Jahr Pflichtaufgabe ist, das sollen kleinere Kommunen freiwillig angehen, so das erklärte Ziel der grünschwarzen Landesregierung. Im Gesetzgebungsverfahren zum Klimaschutzgesetz hatte sie zunächst davon abgese - hen, die kommunale Wärmeplanung für alle rund 1000 Kommunen des Bundeslandes auf einen Schlag obligato - risch zu machen. Dafür hätte es viel zu wenige kompetente Planerinnen und Planer gegeben, lautete die offizielle Begründung. Allerdings bekommen Kommunen seit dem 1. Oktober einen Zuschuss von bis zu 80 Prozent der förderfähigen Kosten, wenn sie einen kommunalen Wärmeplan erstellen lassen. Die Höchstbeträge sind nach Gemeindegröße gestaffelt. Und sie steigen noch um einen Bonus, wenn mehrere Kommunen ihre Wärmeplanung gemeinsam in einem sogenannten Konvoi angehen. Vom Konvoiverfahren verspricht sich das Land nicht nur mehr Effizienz für den Planungsprozess, son - dern auch bessere Ergebnisse. Denn eine interkommunale Wärmeplanung er mög licht es oft, Erneuerbare-Energien- Potenziale und Wärmebedarf über Kommunalgrenzen hinweg zusammenzubringen. Ein Paradebeispiel – wenn auch nicht aus Baden-Württemberg – sind die Gemeinden Neuerkirch und Külz im Hunsrück, die ein gemeinsames Wärmenetz mit Holz- und Solarthermieanlage aufgebaut haben. Guido Bröer Zuschuss für kommunale Wärmeplanung startet Das Land Baden-Württemberg bezuschusst kleinere Kommunen für die Erstellung eines kommunalen Wärmeplans. Die entsprechende Verwaltungs - vor schrift vom 15. September 2021 greift seit dem 1. Oktober. Weil alle 103 Kommunen des Landes mit mehr als 20.000 Einwohnern per Klimaschutz ge - setz innerhalb von zwei Jahren zur Erstellung einer kommunalen Wärmeplanung verpflichtet sind, erhalten sie für die neue Aufgabe Ausgleichs - zahlungen. Kleinere Kommunen möchte die Landesregierung motivieren, freiwillig in einen solchen Planungsprozess einzusteigen. Sie erhalten dafür jetzt bis zu 80 Prozent Förderung. Je nach Einwohnerzahl gibt es einen maximalen Sockelbetrag plus Kopfprämien. Kommunen mit weniger als 5000 Einwohnern können die Förderung nur gemeinsam mit mindestens zwei Nachbar - gemeinden in einem sogenannten Konvoi beantragen. Konvois werden mit weiteren Boni gefördert. Informationen zur neuen Förderung gibt es bei der Klimaschutzagentur des Landes, KEA-BW. Diese gibt auch einen kostenlosen Handlungsleitfaden zur kommunalen Wärmeplanung heraus. Kontakt: waermewende@kea-bw.de NEUE FÖRDERUNG IM SÜD-WESTEN W Ä R M E N E T Z E

2022-07-15T12:50:18+02:00Freitag, 1. Oktober, 2021|

Förderprogramme und Initiativen Bundesländer als Treiber für den Ausbau erneuerbarer Wärme

Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 10 www.solare-waermenetze.de Beim Erreichen der Klimaziele, die die Bundesregierung für Deutschland definiert hat, spielen die Länder eine entscheidende Rolle. Durch Gesetzgebung und entsprechende Förderinstrumente ebnen sie Wege, motivieren Akteure und ermöglichen Projekte, die Gegebenheiten vor Ort optimal im Sinne der Energiewende nutzen. Das große Potenzial des Wärmesektors wird dabei zunehmend erkannt und gezielt gefördert. RHEINLAND-PFALZ Das Bundesland verfügt über günstige Bedingungen für Projekte der solaren Nah- und Fernwärmeversorgung. Zudem existieren gute Gegebenheiten für die Nutzung industrieller Abwärme, von Biomasse und Geothermie. Um die lokalen Akteure der Energiewende dabei zu unterstützen, diese Potenziale zusammenzuführen, hat das Umweltministerium in Rheinland- Pfalz das Förderprogramm „Zukunftsfähige Energieinfrastruktur“ (ZEIS) aufgesetzt. ZUSCHÜSSE FÜR STUDIEN UND UMSETZUNG Einen zentralen Aspekt im Rahmen des ZEISProgramms bilden Vorhaben im Bereich der Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien. Konkret geht es um den Bau und Ausbau von Wärmenetzen zur direkten Wärmeversorgung von zwei oder mehr Gebäuden, die aus Biomasse, geothermischer und solarer Energie, industrieller Abwärme und Wärme aus Abwasser versorgt werden. Darüber hinaus gefördert werden damit in Verbindung stehende zentrale Wärmeerzeuger wie thermische Solaranlagen oder effiziente Wärmepumpen sowie Hausübergabestationen, Wärmespeicher, Anlagen zur Verwertung von Abwärme und Messtechnik. Neben finanziellen Instrumenten steht auch ein breites Spektrum an Beratungsdienstleistungen zur Verfügung. Die Erarbeitung von Machbarkeitsstudien wird mit bis zu 50.000 Euro unterstützt. Bei Investitionen beträgt die Höhe des Zuschusses 20 % der förderfähigen Ausgaben von maximal 5 Mio. Euro. Seit dem Start des Programms im Jahr 2015 wurden bereits 15 Nahwärmenetze gefördert. Das Engagement der einzelnen Bundesländer ist der Motor des Ausbaus erneuerbarer Wärme, etwa durch Solarthermie. Auf Basis ihrer spezifischen geografischen, strukturellen und politischen Voraussetzungen setzen die Länder Förderprogramme auf und Maßnahmen um. Hier ein beispielhafter Blick auf Initiativen aus Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Thüringen. Förderprogramme und Initiativen: Bundesländer als Treiber für den Ausbau erneuerbarer Wärme Thomas Pauschinger (Solites) beim Fachinformationstag Solare Wärmenetze in Simmern am 19.02.2019, Quelle: Guido Bröer FÖRDERPROGRAMM „ZUKUNFTSFÄHIGE ENERGIEINFRASTRUKTUR“ (ZEIS) Unterstützung von Projekten im Bereich erneuerbarer Wärmeversorgung Zuschüsse für Durchführbarkeitsstudien i.h.V. max. 50.000 Euro, für Investitionen max. 5 Mio. Euro Bagatellgrenze bei Investitionen in Wärmeprojekte: 100.000 Euro Nähere Informationen und Kontakt: www.foerderdatenbank.de Quelle: Solites SCHLESWIG-HOLSTEIN Das nördlichste deutsche Bundesland bringt aufgrund seiner geografischen Lage besonders günstige natürliche Bedingungen für die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen mit. Wurde dies bislang hauptsächlich für den Stromsektor in Form von Windenergie genutzt, rückt nun auch der Wärmebereich immer mehr in den Fokus. Bereits im Jahr 2017 hat Schleswig- Holstein seine landesrechtliche Gesetzgebungskompetenz genutzt und ein Energie- und Klimaschutzgesetz1 verabschiedet. Ein wichtiges landespolitisches Instrument stellt auch die im Juni 2019 in Kraft getretene Richtlinie „Innovative Wärmeversorgung” dar. ANREIZ FÜR INVESTITIONEN IN DIE WÄRMEWENDE Die Wärmewende braucht Investitionen in die erforderliche Infrastruktur. Im Rahmen der Richtlinie werden Vorhaben unterstützt, die den Anteil erneuerbarer Energien in den Wärmeversorgungssystemen erhöhen. Bis zu 50 % der Investitionskosten für Wärmenetze, Wärmeerzeugungsanlagen und Wärmespeicher werden abgedeckt, wenn laut Richtlinie „das nachhaltige Wärmeversorgungssystem mindestens 50 % erneuerbare Energien berücksichtigt und eine CO2-Einsparung gegenüber der bisherigen Wärmeoder Kälteversorgung erzielt werden kann”. Es stehen mindestens 50.000 Euro und maximal 1 Mio. Euro pro Projekt zur Verfügung. Die Koordination sowie die kostenlose Beratung erfolgen durch die Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) Energieagentur, die auch Ansprechpartner für die Erstellung der kommunalen Wärmepläne ist. ANSCHUBHILFE FÜR BÜRGERENERGIEPROJEKTE Schleswig-Holstein möchte zudem das Engagement für die Energiewende vor Ort stärken und hat dafür einen Bürgerenergiefonds eingerichtet. Ziel ist, die Initiierung von Projekten zu unterstützen, indem finanzielle Risiken in der ersten Phase abgefedert werden. Hierfür wurde ein Sondervermögen von 5 Mio. Euro bereitgestellt. Zu den geförderten Bereichen gehören auch Projekte zum Ausbau der erneuerbaren Wärme. Zusammenschlüsse von Akteuren aus Schleswig-Holstein, die bestimmte Kriterien erfüllen, können bis zu 200.000 Euro pro Projekt beantragen. BADEN-WÜRTTEMBERG Baden-Württemberg zählt traditionell zu den Bundesländern mit den innovativsten Konzepten zur Förderung und zum Ausbau der nachhaltigen Energie- und Wärmeversorgungsinfrastruktur. Bereits 2013 trat das Klimaschutzgesetz2 in Kraft, das verbindliche Ziele des Landes zur Treibhausgasminderung festlegt. Wie diese erreicht werden können, zeigt das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) in Form von konkreten Strategien und Maßnahmen auf. Im Herbst 2020 wurde im Rahmen der Novellierung des Klimaschutzgesetzes unter anderem die Einführung einer verbindlichen kommunalen Wärmeplanung beschlossen. EFFIZIENTE WÄRMENETZE Das 2016 aufgelegte Landesförderprogramm „Energieeffiziente Wärmenetze“ unterstützt Akteure vor Ort bei der Umsetzung von Wärmenetzen. Es besteht aus drei Bausteinen: 1. Förderung der Erstellung von Wärmeplänen 2. Förderung von Beratung im Vorfeld einer Investition 3. Zuschüsse für Investitionen für Bau oder Erweiterung von Wärmenetzen inkl. erneuerbarer Erzeugungsanlagen Für die ersten beiden Bausteine sind die Antragstellung bzw. Ausschreibung bereits beendet. Die Antragsfrist für den Förderbaustein 3 „Investitionen in Wärmenetze“ läuft noch. Eine Fortführung ist in Aussicht. MARKTBEREITUNG SOLARER WÄRMENETZE Auf die Marktbereitung solarer Wärmenetze in Baden-Württemberg zielte auch das kürzlich abgeschlossene Verbundvorhaben „Solnet BW II“. Durch die Begleitung und Entwicklung von Modellregionen wurde in diesem Projekt Transformationswissen hin zu einer vermehrten Nutzung von Solarthermie in der Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 10 RICHTLINIE „INNOVATIVE WÄRMEVERSORGUNG“ Förderung von bis zu 50 % der Investitionskosten für Wärmenetze, Wärmeerzeugungsanlagen und Wärmespeicher Mindestfördersumme 50.000 Euro, maximal 1 Mio. Euro pro Projekt BÜRGERENERGIEFONDS Förderung von Bürgerenergieprojekten in der Planungs- und Startphase – etwa zur Finanzierung von Vorplanungskosten wie Machbarkeitsstudien, Standortanalysen, Rechts- und Steuerberatung etc. Zuwendung in Höhe von bis zu 200.000 Euro, Bereitstellung für 2 Jahre zinsfrei Förderfähige Gesamtausgaben müssen mindestens 10.000 Euro betragen Rückzahlung des Zuwendungsbetrags nach Umsetzung des Projekts Nähere Informationen und Kontakt: www.schleswig-holstein.de Vortrag von Dr. Matthias Sandrock (Hamburg Institut) beim 15. Fachforum der Energie- und Klimaschutzinitiative Schleswig- Holstein (EKI) am 22.03.2019 in Husum, Quelle: IB.SH kommunalen Wärmeversorgung erarbeitet. Gemeinsam mit den lokalen Akteuren vor Ort und deren Know-how wurden innovative Lösungsansätze für solare Wärmenetze entwickelt. Ein wichtiges Element war dabei die Flächenfindung, die eine der größten Herausforderungen bei der Realisierung großer Solarthermieanlagen darstellt. THÜRINGEN Als erstes ostdeutsches Bundesland hat Thüringen im Dezember 2018 ein eigenes Landesklimaschutzgesetz3 verabschiedet. Dahinter steht das Ziel, bis 2040 die lokal erzeugte Energie im Strom- und Wärmesektor ausschließlich aus erneuerbaren Quellen bereitzustellen. Gesetzlich verankert sind beispielsweise Transformationspläne der Fernwärmeversorger zur Dekarbonisierung ihrer Wärmenetze. Um die Transformation insbesondere im Wärmebereich voranzutreiben, entwickelte das Thüringer Umweltministerium zudem 2016 die Förderrichtlinie „SolarInvest”. 2020 wurde das Programm neu aufgelegt. AUSBAU INNOVATIVER WÄRMEKONZEPTE Finanzielle Zuschüsse stehen dabei auch für Projekte im Bereich der nachhaltigen Wärmeversorgung bereit. Empfänger können neben Kommunen und kommunalen Unternehmen die Wohnungswirtschaft, kleine und mittelständische Unternehmen sowie Bürgerenergiegenossenschaften sein. Folgende Maßnahmen sollen vorangetrieben werden: • Investitionen in saisonale Wärmespeicher • Investitionen in die Realisierung von Mieterwärmemodellen • Förderung von Hausanschlussstationen in neu zu errichtenden sowie in bestehenden Netzen mit einem Mindestanteil von 20 % erneuerbaren Energien • Machbarkeitsstudien und Beratungsleistungen zur Erstellung und Umsetzung eines Wärmenetzprojektes • Beratungsleistungen zu Mieterstrom und -wärme Die Koordination sowie die Beratung erfolgen über das Kompetenzzentrum „Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk e.V.”. Mit dem „Thüringer Solarrechner“, einem Service der Landesenergieagentur ThEGA, können Bürger, Unternehmen und Kommunen die Wirtschaftlichkeit ihrer Solarthermie- und/oder PV-Anlagen berechnen. 1 Energie- und Klimaschutzgesetz Schleswig-Holstein 2 Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg 3 Landesklimaschutzgesetz Thüringen www.solare-waermenetze.de FÖRDERPROGRAMM „SOLARINVEST“ Förderung des Einsatzes von erneuerbaren Energien im Strom- und Wärmebereich Laufzeit: 01.01.2020 bis 31.12.2022 Maximaler Zuschuss je Vorhaben 100.000 EUR, Bagatellgrenze 1.000 Euro Nähere Informationen und Kontakt: umwelt.thueringen.de Antragstellung über: www.aufbaubank.de Thüringer Solarrechner: www.thega.de FÖRDERPROGRAMM „ENERGIEEFFIZIENTE WÄRMENETZE“ Investitionsförderung zur Errichtung oder Erweiterung von energieeffizienten Wärmenetzen Zuschuss von bis zu 20 % der förderfähigen Kosten, max. bis zu 200.000 Euro Über zusätzliche Boni kann der Höchstbetrag auf bis zu 400.000 Euro der förderfähigen Kosten pro Investitionsvorhaben erhöht werden. Nähere Informationen und Kontakt: um.baden-wuerttemberg.de Details zu „Solnet BW II“: www.solnetbw.de Forschungsbericht Flächenbereitstellung: www.hamburg-institut.com Austausch zur Flächensicherung für solare Freiflächenanlagen beim Workshop „Solare Raumplanung – regionale Wärmestrategie“ am 23.10.2018 in Stuttgart, Quelle: Hamburg Institut Thüringens Energie- und Umweltministerin Anja Siegesmund bei der Einweihung einer Solarthermieanlage in Erfurt im Mai 2019, Quelle: Karina Heßland-Wissel/SWE Energie GmbH Gefördert durch: www.solare-waermenetze.de Energiekommune IMPRESSUM Das Infoblatt Solare Wärmenetze ist eine Initiative im Rahmen von Solnet 4.0, einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Vorhaben zur Marktbereitung für solare Wärmenetze. Die Projektpartner sind das Steinbeis Forschungsinstitut Solites, der Fernwärmeverband AGFW, das Hamburg Institut sowie die Herausgeber der Zeitschrift Energiekommune. Herausgeber: HIR Hamburg Institut Research gGmbH, Steinbeis Forschungsinstitut Solites Redaktion: Dr. Matthias Sandrock, Philippa Kreis, Thomas Pauschinger Veröffentlichung: 2020 Haftungsausschluss: Das dieser Publikation zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem Förderkennzeichen 03EGB0002A gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Dokuments liegt bei den AutorInnen. Weder der Fördermittelgeber noch die AutorInnen übernehmen Verantwortung für jegliche Verwendung der darin enthaltenen Informationen. Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 10 Im Gespräch: Dr. Till Jenssen vom Referat Erneuerbare Energien des Umweltministeriums Baden-Württemberg. Welche Rolle spielen die Bundesländer beim Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland? Zunächst einmal gilt, dass die nationale Ebene – nicht zuletzt etwa in Form der Anreizstrukturen des Erneuerbare-Energien- Gesetzes – eine starke Rolle bei der Energiewende spielt. Die Bundesländer haben die Möglichkeit, die bundesweiten Rahmenbedingungen zu konkretisieren. Sie befinden sich in einer „Sandwich“-Position zwischen den Kommunen und Regionen einerseits und dem Bund anderseits – wir sind also ein Bindeglied zwischen mehreren Akteuren und mehreren Ebenen. Konkret können die Bundesländer etwa Landesenergiekonzepte aufstellen, sich Ausbauziele setzen, gesetzliche Spielräume ausfüllen (EWärmeG, PV-Pflicht, Förderung von Batteriespeichern), Prozesse und Dialoge mitgestalten, den Verwaltungsvollzug durch Hinweispapiere konkretisieren. Die Bundesländer können somit verschiedene Governance-Felder besetzen, Informationsund Aufklärungskampagnen gehören genauso dazu wie die Netzwerkbildungen. Was zeichnet hierbei Baden-Württemberg im Besonderen aus? Wir verfügen über eine breite und vielseitige Akteurslandschaft. Damit meine ich nicht nur die Verwaltungsinstitutionen und die Kommunen, sondern auch die vielen Bürgervereinigungen, Nichtregierungsorganisationen, Energiegenossenschaften und die einzelnen Bürgerinitiativen, die zu einer lebhaften und inhaltlich hochqualitativen Diskussion im Bereich der Energiewende vor Ort beitragen. Wie ist es um die Flächenverfügbarkeit bestellt? Angesichts der hohen Flächenkonkurrenzen und einer hohen Bevölkerungsdichte im Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg kommt natürlich die Frage der Flächenverfügbarkeit und -bereitstellung auf. Die Kommunen haben in diesen Angelegenheiten das entscheidende Wort, da sie im Rahmen ihrer kommunalen Planungshoheit die Bauleitpläne aufstellen. Das macht sich insbesondere bei Solarfreiflächenanlagen bemerkbar. Für ihre Genehmigung ist – im Gegensatz zur Windenergie – in der Regel ein Bebauungsplan erforderlich, da diese Anlagen im Außenbereich grundsätzlich nicht privilegiert sind. Den kommunalen und regionalen Planungsträger kommt damit eine wesentliche Rolle bei der notwendigen Standort- und Flächensicherung für die Energiewende zu. Wie ist das Potenzial für Solarthermie und erneuerbare Energieerzeugung insgesamt einzuschätzen? Es ist zu erwarten, dass die Solarthermie künftig deutlich höhere Aufmerksamkeit erhalten wird als bisher. Das sogenannte Zielszenario für Baden-Württemberg zeigt etwa, dass im Jahr 2050 in rund 60 Prozent der Wohngebäude Solarthermieanlagen genutzt werden könnten. Gerade auch die Einbindung in Nah- und Fernwärme ist dabei vielversprechend und könnte Skaleneffekte heben. Wir unterstützen dies zum Beispiel mit unserem Handlungsleitfaden „Solarfreiflächenanlagen“ und dem Förderprogramm „Energieeffiziente Wärmenetze“. „Bundesländer sind das Bindeglied zwischen den Ebenen und den Akteuren“

2022-07-14T13:37:43+02:00Montag, 1. Februar, 2021|

Energiedörfer mit erneuerbarer Wärmeversorgung – Modelle für den erfolgreichen Betrieb von Wärmenetzsystemen

Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 www.solare-waermenetze.de Wärmenetze ermöglichen es, erneuerbare Energien und Effizienztechnologien effizient und kostengünstig in lokale Versorgungssysteme zu integrieren. Sie erweisen sich immer mehr als ein Schlüsselelement und als effizienter organisatorischer Ansatz für eine wirksame Wärmewende vor Ort. Immer öfter werden dabei auch große Solarthermie-Freiflächenanlagen eingebunden. Die Technologie ist ausgereift und auch wirtschaftlich attraktiv. Neben Vorhaben im Bereich der klassischen städtischen Fernwärme entstehen derzeit vielerorts neue Projekte in sogenannten Energiedörfern in ländlichen Gegenden, wo die Bürger gemeinschaftlich ihre Einzelheizungen durch ein neues Wärmenetz auf Basis erneuerbarer Energien ersetzen. Gängige Modelle zur Wärmeerzeugung sind Biomasseheizwerke mit sommerlicher Solarthermienutzung oder die Wärmenutzung bei Biogas-Blockheizkraftwerken. Weiter ist stets zu prüfen, ob bei lokalen Industriebetrieben nutzbare Abwärme anfällt. Neben dem positiven Effekt aus Klimaschutzsicht profitiert das ganze Dorf von der einhergehenden Modernisierung und einer lokalen Wertschöpfung. Insbesondere ist die parallele Verlegung des Wärmenetzes mit Glasfaserleitungen für schnelles Internet oftmals ein gewichtiges Argument. Letztendlich sind aber auch die Wärmekosten für die Bürger deutlich günstiger und preisstabiler als bei Einzelheizungen mit erneuerbaren Energien. ZENTRALE ROLLE DES BETREIBERS Doch der Weg von der ersten Projektidee bis zur Realisierung ist oftmals nicht einfach: Neben der Entwicklung eines schlüssigen und wirtschaftlich tragfähigen technischen Konzepts für das Wärmenetz müssen auch die Kommunikation und die Möglichkeiten zur Teilhabe stimmen, um möglichst viele Gebäudeeigner für den Anschluss an das Wärmenetz zu gewinnen. Bei Projekten, die von Bürgerseite initiiert wurden, stellt sich vor allem bald die wichtige Frage „Wer kann unser Wärmenetz bauen und im Anschluss auch betreiben?“. Denn dem Betreiber des Wärmenetzes kommt eine zentrale Rolle zu: Neben einem professionellen technischen Betrieb trägt er die wirtschaftliche Verantwortung für die Investition. Nur er kann eine verlässliche Aussage über die voraussichtlichen Wärmekosten machen und muss hierbei das Vertrauen der Bürger und Hauseigner gewinnen. Bei aktuell entstandenen Energiedorf-Projekten sind erfreulicherweise eine Reihe ganz unterschiedlicher Betreibermodelle zum Tragen gekommen. Von verschiedenen Betriebsmodellen der Energiedienstleister und Stadtwerke über Betreibergesellschaften mit kommunaler Beteiligung bis zu Energiegenossenschaften ist fast jede Betreiberform vorstellbar. Mit diesem Infoblatt möchten wir Ihnen sieben Projekte mit unterschiedlichen Betreibermodellen vorstellen und möchten so zur Orientierung bei Ihrem Wärmenetz-Projekt beitragen. In sogenannten Energiedörfern wechseln Bürger gemeinschaftlich von Einzelheizung in ihren Gebäuden zu einem neuen Wärmenetz auf Basis erneuerbarer Energien. Die Findung eines geeigneten Betreibers für das Wärmenetz spielt dabei eine zentrale Rolle. Dieses Infoblatt stellt aktuelle Energiedorf-Projekte mit ihren unterschiedlichen Betreibermodellen vor. Energiedörfer mit erneuerbarer Wärmeversorgung Modelle für den erfolgreichen Betrieb von Wärmenetzsystemen Foto: Guido Bröer Als die ersten Ideen für das gemeinsame Wärmenetz der Ortsgemeinden Neuerkirch und Külz entstanden, da war noch längst nicht klar, wer es betreiben würde. Eine Energiegenossenschaft stand bei den Diskussionen innerhalb der Dörfer hoch im Kurs. „Wir hätten es auch als Energiegenossenschaft machen können“, erinnert sich Volker Wichter, Ortsbürgermeister von Neuerkirch, an die Diskussionen. Für ihn selbst, den ehemaligen Eisenbahner, der jetzt als Rentner der wichtigste „Kümmerer“ im Ort ist, war allerdings von Anfang an wichtig, dass ein dauerhafter Betrieb der Anlagen gewährleistet sein muss. Eine Genossenschaft hätte schließlich über Jahrzehnte einen aktiven Vorstand gebraucht, der bereit sein müsste, sich im Ehrenamt mit der Anlage und den Anschlussnehmern zu beschäftigen. Vor allem, weil ihnen dies als Risiko erschien, entschieden sich die Neuerkircher und Külzer, Bau und Betrieb der Heizzentrale und des Netzes nicht selbst zu schultern, sondern sich dafür professionelle Unterstützung zu suchen. Sie beauftragten die Gemeindewerke der Verbandsgemeinde Simmern, zu der die beiden Dörfer gehören. DASEINSVORSORGE Um den Vorgang zu verstehen, muss man sich die kommunale Struktur in Rheinland- Pfalz vor Augen halten. Gerade in ländlichen Regionen wie dem Hunsrück wirkt sich aus, dass kleine und kleinste Dörfer ihre Entscheidungen einschließlich der Finanzplanung selbstständig treffen. Die Gebietsreform hat in Rheinland-Pfalz die Souveränität der Dörfer, hier Ortsgemeinden genannt, nicht angetastet. Sie haben allerdings zahlreiche Aufgaben der Verwaltung und der Daseinsvorsorge, wie Schulen, Wasser- und Abwasserversorgung, an die übergeordneten Verbandsgemeinden abgegeben. Külz und Neuerkirch, die beiden nur durch den Külzbach getrennten Ortsgemeinden mit Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: ibs Energie Seite 2 DIE WÄRMEVERSORGUNG IN NEUERKIRCH UND KÜLZ Betreiber: Verbandsgemeindewerke Simmern Kontakt: Volker Wichter, Ortsbürgermeister, buergermeister@neuerkirch.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2016 Hausanschlüsse: 147 Netzlänge: 6,6 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (1.400 m2), Holzhackschnitzelkessel Solarer Deckungsanteil: 19 % CO2-Einsparung: 1.200 t CO2 pro Jahr Foto: Guido Bröer Neuerkirch und Külz im Hunsrück Kommunale Eigenversorgung durch die Verbandsgemeindewerke Die benachbarten Dörfer Külz und Neuerkirch im Hunsrück heizen seit 2016 mit einem gemeinsamen Wärmenetz. Es war das erste Dorfwärmenetz in Rheinland- Pfalz, in dem neben Holzhackschnitzeln auch eine große Solarthermieanlage zum Einsatz gekommen ist. Die Initiative dazu entstand in den Dörfern selbst. Mit Bau und Betrieb von Wärmenetz und Energiezentrale beauftragte der Gemeinderat die Verbandsgemeindewerke Simmern-Rheinböllen. selbstständigen Gemeinderäten, gehören zur Verbandsgemeinde Simmern/Rheinböllen. Die Simmerner Verbandsgemeindewerke sind seit 40 Jahren für die Wasserver- und Abwasserentsorgung in Külz und Neuerkirch zuständig und haben sich dadurch auch Vertrauen erarbeitet. Nachdem sie in der Kreisstadt Simmern auch bereits Pionierleistungen mit dem Betrieb von Wärmeverbund-Inseln auf Biomassebasis vorzuweisen hatten, schienen sie prädestiniert, auch für die neue Form der solaren Wärmeversorgung in den beiden Hunsrückdörfern Verantwortung zu übernehmen. Als Eigenbetrieb der Verbandsgemeinde arbeiten die Gemeindewerke nicht gewinnorientiert. Sie müssen auch nicht wie die Stadtwerke vieler anderer Gemeinden den ÖPNV über Energieeinnahmen querfinanzieren, sondern sind allein für die Daseinsvorsorge in den angeschlossenen Ortsgemeinden verantwortlich. „UNSERE ANLAGE“ Trotzdem, das gibt Volker Wichter zu, habe es anfangs bei den lokalpatriotischen Neuerkirchern gewisse Vorbehalte gegeben, den Betrieb des Wärmenetzes an Simmern abzugeben. Inzwischen seien aber alle froh über diese Lösung, sagt der Ortsbürgermeister: „Die Solaranlage und das Wärmenetz gehören zwar den Verbandsgemeindewerken, wir erleben es aber als unsere Anlage.“ Schließlich ist die erste Idee für die Dorfwärmeversorgung in der „Ökogruppe” in Neuerkirch entstanden, einem Kreis, der sich im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsprozesses um Umweltfragen Gedanken gemacht hat. Und als dann eine Delegation aus beiden Dörfern per Bus nach Büsingen gefahren ist, zum damals ersten Solar-Bioenergiedorf Deutschlands, da ist der Funke auf alle Gemeinderatsmitglieder übergesprungen. VERANTWORTLICHKEIT VOR ORT Dass der Bürgerwille für das Wärmenetz den entscheidenden Anstoß gegeben hat, das bestätigt auf der anderen Seite auch Marc Meurer, der für die Anlage zuständige Ingenieur der Verbandsgemeindewerke: „Weil die Ortsgemeinden die Initiatoren sind, ist die Identifikation mit dem Wärmenetz sehr stark. Die Zusammenarbeit ist sehr eng.“ Meurer kann die Betriebszustände der Heizzentrale jederzeit fernüberwachen und mit seinem technischen Know-how interpretieren. Trotzdem und gerade deshalb weiß er es zu schätzen, dass er sich nicht nur auf die elektronische Fernsteuerung verlassen muss: „Es ist schon viel wert, dass da vor Ort jemand ist, der sich für die Anlage verantwortlich fühlt und der auch einen Schlüssel für die Heizzentrale hat.“ Dieses Modell praktizieren die Verbandsgemeindewerke inzwischen auch in mehreren anderen Dorfwärmenetzen, für die sie die Verantwortung übernommen haben. Jedes der Projekte müsse sich zwar aus sich selbst heraus rechnen – das sei wichtig, erklärt Meurer. „Doch unser Eigenbetrieb verfolgt dabei satzungsgemäß keine Gewinnerzielungsabsicht.“ Sollte beispielsweise der Brennstoff günstiger werden, weil nach den großen Borkenkäferschäden die Holzhackschnitzel aus heimischen Wäldern billig einzukaufen seien, dann werde dies über eine Preisgleitklausel im Wärmepreis an die Bürger zurückgegeben. www.solare-waermenetze.de Volker Wichter ist Ortsbürgermeister von Neuerkirch. Zusammen mit einem Arbeitskreis engagierter Bürgerinnen und Bürger seiner Kommune entwickelte er das Konzept für das erste solare Nahwärmenetz in Rheinland-Pfalz. Das dies der Anfang für mehr war, berichtet der Bürgermeister im Interview. Herr Wichter, was hat dieses Nahwärmenetz in Neuerkirch und Külz bewegt? Es hat den Zusammenhalt im Dorf und zwischen den beiden Dörfern enorm befördert. Durch das Wärmenetz hat es bei allen Bürgern Klick gemacht. Wenn heute einer im Dorf mit einer neuen Idee kommt, wird er nicht gleich belächelt, sondern sie wird ernst genommen. Was für Ideen sind das? Wir haben eine Energiesparrichtlinie gemacht. Wir zahlen Bürgern Geld, wenn sie ihr Haus sanieren. Wir haben jetzt sogar Leihfahrräder als Gemeinde angeschafft – E-Bikes. Und ein Lastenrad – das ist der Renner. In den Nachbardörfern haben sie gedacht, jetzt drehen die durch in Neuerkirch. Aber nein: die Fahrräder werden richtig gut genutzt. Das Lasten-E-Bike ist im Sommer fast jeden Tag unterwegs. Als nächstes soll jetzt noch ein Dorfauto kommen – ein E-Mobil. Das sind alles Ideen, die wir viel leichter verwirklichen können, seit wir das Wärmenetz gebaut haben. Weil die Leute gemerkt haben, dass etwas daraus wird, wenn wir es gemeinsam anpacken. Wir sprechen darüber und dann machen wir es. Jetzt haben wir noch ein Förderprogramm für Weiße Ware – Austausch von Kühlschränken, Waschmaschinen und so weiter. Das ist alles aus der Nahwärme entstanden. Sie haben keine Genossenschaft gegründet, sondern die Verbandsgemeinde mit dem Betrieb beauftragt. Macht das einen Unterschied? Obwohl die Energieversorgung Simmern das Wärmenetz und das Heizwerk gebaut hat, haben alle Bürger im Hinterkopf: das ist „unser“ Heizwerk. „Wärmenetz hat Zusammenhalt befördert“ Seite 3 Foto: Guido Bröer Gesellschaftsrechtlich ist das Unternehmen eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft. Die Besonderheit bei solarcomplex ist, dass das Stimmrecht auf max. 5 Prozent je Anteilseigner begrenzt ist. So soll verhindert werden, dass einzelne Aktionäre das Unternehmen übernehmen. Gleichzeitig können aber einzelne Aktionäre auch mehr investieren, da sie mehr als 5 Prozent der Aktien halten dürfen. Der Großteil der Aktionäre sind Privatpersonen, aber auch kleinere Unternehmen, Energiegenossenschaften und Stadtwerke sind an solarcomplex beteiligt. Neben der Beteiligung über Aktien bietet solarcomplex zudem Genussrechte mit fester Verzinsung an. ALLES AUS EINER HAND Im Bereich der Wärmenetze hat solarcomplex schon langjährige Erfahrung und ist als Energiedienstleister sowohl Eigentümer als auch Betreiber von Wärmenetzen und den Erzeugungsanlagen. solarcomplex bietet die komplette Projektentwicklung von Wärmenetzprojekten an. Darunter fallen auch Konzepterstellung, Planung und Bauaufsicht. Als Betreiber ist solarcomplex zusätzlich für die Kundenbetreuung und den Anlagenservice zuständig. Aber auch einzelne Dienstleistungen werden angeboten, wodurch verschiedene Projektbeteiligungen ermöglicht werden. CO2-FREI DURCH DEN SOMMER Für alle von solarcomplex realisierten und betriebenen Wärmenetze gilt der Ansatz, dass entweder Abwärme aus z.B. einer stromgeführten Biogasanlage oder aus sonstigen Betrieben genutzt wird, oder Wärme über die Kombination aus Sonne und Holz erzeugt wird. Die Solarthermieanlage deckt dann CO2-frei den Sommerbedarf und der meistens zum Einsatz kommende Holzhackschnitzelkessel wird für die Übergangszeit und den Winterbedarf eingesetzt. So auch in Randegg, wo die Solarthermieanlage besonders gut ausgelastet ist. Dort erfordert nämlich eine Flaschenwaschanlage des ortsansässigen Getränkebetriebs Ottilien- Quelle einen hohen Wärmebedarf im Sommer. Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Jörg Dürr-Pucher DAS ENERGIEDORF RANDEGG Betreiber: solarcomplex AG Kontakt: Bene Müller, Vorstandsmitglied solarcomplex AG, www.solarcomplex.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2009 2018 nachgerüstet mit Solarthermie Hausanschlüsse: 150 Netzlänge: 6,6 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (2.400 m2), Holzhackschnitzelkessel, Pelletkessel Solarer Deckungsanteil: 20 % CO2-Einsparung: 1.500 t CO2 pro Jahr Foto: Guido Bröer Seite 4 Randegg am Bodensee Der Energiedienstleister solarcomplex AG erweitert Solarthermieausbau Das in Singen ansässige Unternehmen solarcomplex AG betreibt mehrere Solar- Energiedörfer in der Bodenseeregion. Eines davon ist Randegg. Seit 2009 betreibt solarcomplex dort schon ein Biomasse-Nahwärmenetz, das im Jahr 2018 um eine Solarthermieanlage erweitert wurde. Das Unternehmen versteht sich als regional und dezentral agierendes Bürgerunternehmen. www.solare-waermenetze.de Jörg Dürr-Pucher ist Leiter „Projektentwicklung Wärmenetze“ der solarcomplex AG Warum hat sich die solarcomplex AG für die Form einer Aktiengesellschaft entschieden? Gegründet wurde das Unternehmen als solarcomplex GmbH von 20 Personen im Jahr 2000. Erst 2007 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Hauptgrund war, dass wir, ohne großen Aufwand, vielen Menschen ermöglichen wollten, sich an dem Unternehmen und damit an der Energiewende in der Region beteiligen zu können. Privatpersonen, die sich z.B. keine eigene PV-Anlage auf ihrem Dach leisten können, aber trotzdem aktiv in erneuerbare Energien investieren wollen, können bei uns Aktien kaufen und sind damit Miteigentümer unserer Anlagen. Welche Vor- und welche Nachteile hat die Unternehmensform? Neben der schnellen Aufnahme von Aktionären, ist das dadurch entstehende Kapital auch viel breiter gestreut. Ein weiterer wesentlicher Vorteil gegenüber z.B. einer Genossenschaft ist, dass wir als Unternehmen auch Gewinne machen dürfen. Dadurch ist der Handlungsspielraum des Unternehmens freier gestaltbar. Außerdem bilden sich Genossenschaften meist nur in der Gemeinde, in der die Mitglieder wohnen. Wir als AG können auch in mehreren Kommunen gleichzeitig aktiv sein und dort Projekte realisieren. Nachteilig ist der hohe formale Aufwand. Obwohl wir nicht börsennotiert sind, muss jährlich eine Hauptversammlung mit Wirtschaftsprüfung durchgeführt werden. Was sind aus Ihrer Sicht als Projektentwickler die entscheidenden Faktoren, dass in einem Dorf ein Wärmenetz gebaut wird? Das Wichtigste ist, dass die politischen Entscheidungsträger vor Ort, der Bürgermeister oder der Ortsvorsteher, dem Projekt positiv gegenüberstehen und es auch unterstützen. Das schafft insgesamt Vertrauen in das Projekt. Dazu kommt die Bereitschaft des Landwirts, wenn eine Biogasanlage den wesentlichen Teil der Wärmeversorgung übernehmen soll. Dabei ist auch das Ansehen des Landwirts in der Bevölkerung wichtig. Wenn dann noch die Möglichkeit besteht, Glasfaserkabel beim Bau des Wärmenetzes gleich mitzuverlegen, gibt es nochmal 10 Prozent mehr Bürger, die sich für das Wärmenetz interessieren. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass die Menschen sich anschließen lassen. Und je mehr Anschlussnehmer zusagen, desto günstiger wird der Wärmepreis. Wie sehen die Wärmepreise und das Preismodell bei solarcomplex aus? Pauschal kann man das leider nicht sagen. Jedes Projekt ist anders, deshalb wird der Preis auch immer neu kalkuliert. Das Wärmenetz muss wirtschaftlich sein, sonst kann man es nicht realisieren. Die Besonderheit bei solarcomplex ist, das wir auf die Übernahme der Anschlusskosten durch den Gebäudeeigentümer verzichten. Diese liegen zwischen 3.000 und 8.000 Euro pro Anschluss. Diese nicht unerhebliche Summe kann viele potentielle Abnehmer abschrecken. Der Wärmepreis setzt sich deshalb aus einem höheren Arbeitspreis und einem mittelhohen Grundpreis zusammen. Auf 20 Jahre gerechnet, sind die Kosten für dieses Preismodell ähnlich wie wenn Anschlusskosten verlangt werden und dafür der Arbeitspreis geringer ausfällt. Im Modell von solarcomlpex haben tendenziell diejenigen mit weniger Verbrauch einen preislichen Vorteil gegenüber den Großabnehmern. solarcomplex hat sich mit den Stadtwerken Sigmaringen zur Betreibergesellschaft Nahwärme Region Sigmaringen GmbH (NRS) zusammengeschlossen. Wie kam es dazu? Die Stadtwerke wollten in ihrem Versorgungsgebiet Wärmenetze ausbauen, hatten aber noch wenig Erfahrung in der Entwicklung und Planung von solchen Projekten. Für solarcomplex wiederum war das eine Gelegenheit, auch außerhalb der Bodenseeregion aktiv zu sein. Denn als eigenständiger Betreiber ist solarcomplex ausschließlich in der Region tätig, das heißt maximal eine Stunde Autofahrt von Singen entfernt. An der NRS GmbH sind die beiden Unternehmen je zur Hälfte beteiligt und stellen jeweils einen Geschäftsführer. Damit sind beide Unternehmen gemeinsam Eigentümer der realisierten Wärmenetze. Inhaltlich ist solarcomplex für die Projektentwicklung, Planung und Realisierung zuständig. Anders als bei unseren „eigenen“ Wärmenetzen haben wir hier mit den Aufgaben nach Inbetriebnahme nichts zu tun. Die Stadtwerke Sigmaringen verantworten den technischen Betrieb inklusive Wartungsund Reparaturarbeiten und das Abrechnen. Die jeweiligen Leistungen der Partner werden der NRS GmbH in Rechnung gestellt. Innerhalb dieser Kooperation wurden bereits drei auf Biogas basierende Wärmenetze realisiert. In Jungnau wird derzeit das vierte, diesmal mit Holz und Solarthermie, geplant. In welcher Phase befindet sich das Wärmenetzprojekt in Jungnau und welche Wärmeerzeugungstechnologien sind geplant? Die Fragebögen wurden im Frühjahr 2020 ausgefüllt und werden nun ausgewertet. Erfreulicherweise sind rund 170 Fragebögen zurückgekommen. Geplant wird auf der Grundlage, dass alle mitmachen, die den Fragebogen abgegeben haben. Wir planen noch innerhalb 2020 die erforderlichen Anträge bei der KfWBank und dem Land Baden-Württemberg zu beantragen und dann im darauffolgenden Jahr zu bauen. Geplant ist eine Kombination aus Holzhackschnitzel und Solarthermie, wobei wir von einer Kollektorfläche von 2.000 bis 3.000 Quadratmetern ausgehen - was natürlich von der tatsächlichen Wärmelast abhängt. „Als AG können wir mehr Menschen eine Beteiligung an unseren Energiewendeprojekten ermöglichen.“ Seite 5 Als Wärmeversorgungsunternehmen ist die Konstellation der Fernwärme Ettenheim GmbH ungewöhnlich. Gesellschafter sind neben dem Ingenieurbüro ratio energie GmbH, auch die Stadt Ettenheim und die Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg. Das Ingenieurbüro ratio energie GmbH bringt die nötigen fachlichen Kompetenzen mit und unterhält neben der Tätigkeit in der Fernwärme Ettenheim GmbH auch weitere Nahwärmeversorgungen in Südbaden. In der Fernwärme Ettenheim GmbH ist die ratio energie GmbH deshalb für die operative Geschäftsführung zuständig. Das umfasst technische Aufgaben wie den Anlagenbetrieb und die Projektentwicklung, aber auch betriebswirtschaftliche Aufgaben wie die Buchhaltung und die Kundenbetreuung. Die ratio energie GmbH ist deshalb auch Hauptgesellschafter und hält 51 Prozent an der Fernwärme Ettenheim GmbH. Die anderen beiden Gesellschafter sind jeweils zur Hälfte mit je 24,5 Prozent an dem Wärmeversorgungsunternehmen beteiligt. Alle drei Gesellschafter stellen einen Geschäftsführer. Peter Blaser, Geschäftsführer der ratio energie GmbH, erzählt, wie es zu dieser Zusammenarbeit kam und von den Besonderheiten des Wärmeprojekts in Ettenheim: „Die Gründung der Fernwärme Ettenheim GmbH 1999 geht auf eine Ausschreibung der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA) 1998 zurück. Damals hatte zum einen die Heimschule St. Landolin, die für ihre Schulen und ihr Internat bereits ein eigenes Bestandswärmenetz hatte, einen hohen Sanierungsbedarf, und die Stadt Ettenheim plante ein neues Baugebiet, das über ein Wärmenetz versorgt werden sollte. Gemeinsam haben die Stadt und die Schulstiftung als Träger der Heimschule die KEA mit einer Ausschreibung beauftragt, bei der wir als ratio energie GmbH dann den Zuschlag erhalten haben. Die beiden Partner waren interessiert an der Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft und wir als ratio energie waren dafür offen, wobei uns wichtig war, dass wir als verantwortlicher Betreiber mehrheitlich an dem neuen Unternehmen beteiligt sind. SYMBIOSE DER GESELLSCHAFTER Rückblickend kann ich sagen, dass der Zusammenschluss gut war und durchweg vorteilhafte Aspekte mit sich bringt. Da die Stadt beteiligt ist, hat die Fernwärme Ettenheim GmbH auch eine politische Verpflichtung, die Wärmeversorgung zukunftsweisend und nachhaltig zu gestalten. Gleichzeitig werden dadurch Netzausbaumaßnahmen begünstigt. Die Heimschule, die mehrere Schulen und ein Internat unterhält, ist durch die Beteiligung über die Schulstiftung gleichzeitig Eigentümer und Nutzer des Wärmenetzes. Bei allen Entscheidungen sitzt somit auch ein Kunde mit am Tisch. Für die Fernwärme Ettenheim GmbH ist es wiederum ein Glücksfall, da sie die bestehende Heizzentrale auf dem Gelände der Heimschule nutzen und für eine Holzhackschnitzelanlage umbauen konnte, und dort auch die notwendigen Räumlichkeiten für den Betrieb zur Verfügung stehen. Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Fernwärme Ettenheim GmbH Peter Blaser Operativer Geschäftsführer der Fernwärme Ettenheim GmbH Seite 6 Ettenheim in der Ortenau Betreibergesellschaft mit kommunaler Beteiligung erweitert Heizzentrale Im Frühjahr 2020 wurde die Solarthermieanlage für das seit 1999 bestehende Fernwärmenetz in Ettenheim fertiggestellt. Die Fernwärme Ettenheim GmbH hatte sich zum 20-jährigen Bestehen selbst beschenkt mit der Entwicklung einer CO2- neutralen Wärmeerzeugung, denn die Solarthermieanlage ersetzt nun das bisher mit Erdgas betriebene BHKW. Mit den beiden Partnern ist auch für Kontinuität in der Gesellschaft gesorgt, falls die inhabergeführte ratio energie eines Tages aus der Fernwärme Ettenheim ausscheiden sollte und ihre Gesellschaftsanteile veräußert. Sowohl die Stadt als auch die Schulstiftung haben die Möglichkeit, diese zu erwerben oder sich einen anderen Partner mit ins Boot zu holen. GEMEINSAME LÖSUNGEN Obwohl wir in der Fernwärme Ettenheim GmbH drei völlig unterschiedliche Partner sind, funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Wir haben eine gute Vertrauensbasis, wodurch die Geschäftsordnung auch sehr schlank gehalten werden konnte. Wenn eine Abstimmung ansteht, treffen wir uns - also die jeweiligen drei Geschäftsführer - und besprechen und entscheiden die Punkte gemeinsam; weitreichende Entscheidungen wie zum Beispiel der Beschluss zur Errichtung der Solarthermieanlage oder Netzerweiterungen erfolgen in der Gesellschafterversammlung. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den letzten 20 Jahren mal eine Mehrheitsentscheidung gab. Für uns als ratio energie GmbH ist die Betreiberform im Grunde zweitrangig. Es kommt auf die Personen und auf die Kompetenzen der beteiligten Partner an, mit denen man zusammenarbeitet. Wenn es der Sache dient und alle das Projekt voranbringen wollen, ist es letztendlich egal, welche Beteiligungsformen man wählt. „LANGFRISTIGE PLANUNGSSICHERHEIT“ Die Solarthermieanlage als neuer Wärmeerzeuger war bei uns schon länger im Gespräch. Anlass war das in die Jahre gekommene BHKW. Dieses BHKW deckte vor allem den sommerlichen Wärmebedarf. Dadurch konnte der Holzhackschnitzelkessel im Sommer vollständig außer Betrieb genommen und die Jahresrevision durchgeführt werden. Vor rund zwei Jahren trat ein größerer Schaden am BHKW auf, wodurch es häufiger ausfiel; die Notfallversorgung war durch zwei Ölheizkessel gesichert. Die Option, ein neues BHKW zu installieren, schied schon früh aus. Einerseits ist man stark von den politischen Rahmenbedingungen und dem jeweiligen Stand des KWKGs abhängig, das sich immer wieder ändert, andererseits war die Stromverwendung des BHKWs in der Schule vor 20 Jahren noch wesentlich einfacher und wirtschaftlicher. Heute muss der Strompreis komplett inklusive Umlagen etc. von der Schule bezahlt werden, obwohl sie über die Fernwärme Ettenheim GmbH auch Eigentümer des BHKWs ist. Zudem war schon immer ein Ziel der Fernwärme Ettenheim GmbH, die CO2- Bilanz zu verbessern, wodurch langfristig gedacht konventionelle Energieträger nicht mehr in Frage kamen. Die Installation einer Solarthermieanlage für den Sommerbedarf lag damit auf der Hand. Auch wirtschaftlich gesehen bringt die Solarthermieanlage Vorteile: Es fallen nur Kapitalkosten an, die im Vorfeld genau bekannt sind und sich nicht wie Brennstoffkosten ändern. Diese Preisstabilität bietet auch langfristige Planungssicherheit für uns als Betreiber und für unsere Kunden. Deshalb haben wir uns relativ schnell für eine Solarthermieanlage entschieden. ERWEITERUNGEN DURCH SOLARTHERMIE Der Bau einer Solarthermieanlage zur Deckung des sommerlichen Wärmebedarfs wurde im Jahr 2019 ausgeschrieben und nach wenigen Wochen konnte bereits mit den ersten Baumaßnahmen begonnen werden. Die Hauptverantwortung für Planung und Bau der Gesamtanlage hatte das Ingenieurbüro ratio energie GmbH inne. Des Weiteren übernahm es die Planung und Bauleitung für die Umbaumaßnahmen in der Heizzentrale und überwachte die baulichen Maßnahmen für den Standort der beiden Pufferspeicher. Der Solarthermieanlagenhersteller war als Generalunternehmer für den schlüsselfertigen Bau der Solarthermieanlage mit Pufferspeicher verantwortlich. Das hat alles sehr gut geklappt. Die Anlage wurde pünktlich vor dem Sommer im Mai 2020 fertiggestellt und befindet sich seitdem im Probebetrieb, welcher Ende August 2020 abgeschlossen sein soll.“ DIE WÄRMEVERSORGUNG IN ETTENHEIM Betreiber: Fernwärme Ettenheim GmbH Kontakt: Peter Blaser, operativer Geschäftsführer der Fernwärme Ettenheim GmbH, info@ratioenergie.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 1999 2020 nachgerüstet mit Solarthermie Hausanschlüsse: 135 + die Heimschule Netzlänge: 3,5 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (1.800 m2), Holzhackschnitzelkessel Solarer Deckungsanteil: 14 % CO2-Einsparung: 1.600 t CO2 pro Jahr Foto: Fernwärme Ettenheim GmbH www.solare-waermenetze.de Seite 7 Stadtwerke sind kommunale Unternehmen, die in öffentlichem Auftrag technische Leistungen hinsichtlich der Grundversorgung und Daseinsvorsorge der Bevölkerung erbringen. Diese Leistungen können sehr vielfältig und umfangreich sein. Angefangen bei Versorgungsdienstleistungen wie die Energieversorgung, bis hin zu Infrastrukturdienstleistungen wie die Unterhaltung von öffentlichen Gebäuden, z.B. Schwimmbäder. Stadtwerke sind entweder öffentlichrechtliche oder privatwirtschaftliche Betriebe mit meist mehrheitlicher Beteiligung der Kommune. Die Geschäftsführung von privatwirtschaftlichen Betrieben ist aufgrund der kommunalen Beteiligung an die Vorgaben der jeweiligen Kommune gebunden. Vor allem langfristige Ziele und Geschäftsausrichtungen können so von der Kommune beeinflusst werden. Die Stadtwerke Radolfzell GmbH ist ein privatwirtschaftlicher Betrieb, an dem die Stadt Radolfzell zu 51 Prozent beteiligt ist. Die Thüga AG aus München ist die zweite Gesellschafterin und hält 49 Prozent. Das Projekt in Liggeringen ist ein Leuchtturmprojekt für die Wärmeversorgung mit erneuerbaren Energien für die Stadt Radolfzell. Andreas Reinhardt, seit 2014 Geschäftsführer der Stadtwerke Radolfzell, berichtet von seinen Erfahrungen aus dem Projekt: „Noch 2011 wollte man den Ortsteil Liggeringen mit Erdgas erschließen. Allerdings gab es dann 2013 einen Wechsel im Rathaus. Der neue Oberbürgermeister hatte einen viel ökologischeren Ansatz für die Verwaltung und die städtischen Beteiligungen vorgesehen. Damit war das Thema Gasnetzausbau vom Tisch. Als ich 2014 die Geschäftsführung übernommen habe, haben wir ziemlich rasch damit angefangen, ein erstes Konzept für ein Wärmenetz in Liggeringen zu entwickeln. Der Ortsteil besteht hauptsächlich aus Bestandsgebäuden und zum damaligen Zeitpunkt waren dort viele Ölkessel und Flüssiggasanlagen in Betrieb. Unser Konzept sah damals schon die Versorgung mit einer Solarthermieanlage für den sommerlichen Wärmebedarf und einer Biomasseanlage für den Winterbetrieb vor. Für dieses Konzept haben wir eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchgeführt, indem wir zum einen das Wärmepotential des Ortsteils ermittelt haben - rund 20 GWh pro Jahr - und zum anderen alle Kosten aufgestellt haben, die durch den Anschluss und die Versorgung der 240 Grundstücke entstehen. Basierend auf einer Anschlussquote von 40 Prozent haben wir 2015 das Budget aufgestellt. Daraufhin haben wir mehrere Infoveranstaltungen organisiert und auch Exkursionen zu bestehenden Solar-Energiedörfern angeboten. Die hydraulische Planung hatten wir extern vergeben, wobei uns wichtig war, dass das erfahrene Wärmenetzplaner übernehmen. Als wir 75 Verträge mit Anschlussnehmern geschlossen hatten, konnten wir das Ausschreibungsverfahren für die einzelnen Komponenten und Leistungen starten und die Aufträge vergeben. „SYNERGIEEFFEKTE NUTZEN“ Schon zu diesem Zeitpunkt war für uns klar, dass wir die Wirtschaftlichkeit erhö- Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Stadtwerke Radolfzell GmbH Andreas Reinhardt Geschäftsführer der Stadtwerke Radolfzell GmbH Seite 8 Liggeringen am Bodensee Die Stadtwerke als kommunale Betreibergesellschaft Liggeringen ist ein Ortsteil der Stadt Radolfzell. Dort realisierten und betreiben die Stadtwerke Radolfzell ein Solar-Energiedorf. Im Mai 2020 gab es bereits einige Tage, an denen allein die Solarthermieanlage die Wärmeversorgung der rund 100 angeschlossenen Gebäude übernommen hat. hen, wenn wir die Synergieeffekte nutzen, die wir als Stadtwerke mit unserem breiten Geschäftsfeld ausmachen können. So haben wir gleichzeitig mit dem Bau des Wärmenetzes die Trink- und Abwasserleitungen erneuert, die Straßenbeleuchtung modernisiert und unsere dort noch vorhandenen Stromfreileitungen in die Erde verlegt. Wir konnten also viele unserer Aufgaben auf einmal – mit einer Baumaßnahme – erledigen. In Liggeringen haben wir zudem auch Glasfaserkabel mitverlegt und Kunden, die bereits Strom von uns beziehen, konnten einen günstigeren Internettarif bekommen. PROBLEMATIK FLÄCHENFINDUNG Das kritischste und langwierigste Unterfangen war die Flächenfindung für die Heizzentrale und die Solarthermieanlage. Insgesamt 20 potentielle Flächen haben wir geprüft, was uns ein ganzes Jahr im Projekt gekostet hat. Dazu muss man wissen, dass Liggeringen in einem Landschaftsschutzgebiet liegt. Um also überhaupt dort diese Anlagen bauen zu können, mussten wir lange mit den übergeordneten Planungsbehörden verhandeln und eine geeignete Ausgleichsfläche suchen. Zudem hat sich in dem doch eher kleinen Ort schnell herumgesprochen, dass wir ein Grundstück suchen, was einige Grundstücksbesitzer auszunutzen versuchten, um den Preis in die Höhe zu treiben. Schlussendlich hat uns dann ein Obst- und Gemüsehändler sein Grundstück verkauft, auf dem jetzt die Heizzentrale und die Solarthermieanlage stehen. Der schöne Abschluss an dem mühsamen Prozess ist: Der Händler hat das Geld aus dem Verkauf des Grundstücks wieder reinvestiert und nun einen Nahversorgerladen in Liggeringen aufgebaut, in dem er auch Mitarbeiter beschäftigt. Der Ort hat somit doppelt profiti ert. WIRTSCHAFTLICHKEIT FÜR ALLE Weiterer Erfolgsfaktor für das Projekt war die Wirtschaftlichkeit für alle Beteiligten. Wir haben dafür sehr viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben: Insgesamt zehn Infoveranstaltungen, drei Exkursionen und zahlreiche weitere Gespräche mit den Bürgern vor Ort oder in Bürgersprechstunden. Die unstabile Ölpreisentwicklung und in diesem Zusammenhang eine Vollkostenrechnung waren Hauptargumente für ein Wärmenetz. Im Wärmepreis sind alle Nebenkosten wie Service, Notdienst etc. enthalten, während beim Ölpreis erstmal nur das Öl bezahlt wird. Durch den Wechsel auf erneuerbare Energien ist die Preisentwicklung auch planbar und gegenüber dem Ölpreis deutlich weniger dynamisch. Für uns als Stadtwerke war das Investment für das Wärmenetz in Liggeringen zwar hoch, aber es ermöglicht uns langfristig kalkulierbare Einnahmen und eine dauerhafte Kundenbeziehung. SONNIGE ZUKUNFT In Liggeringen kommen kontinuierlich weitere Anschlüsse hinzu. Das Wärmenetz und die Erzeugungsanlagen sind so ausgelegt, dass 150 Anschlussnehmer möglich sind. Aber auch für die Erweiterung der Erzeugung ist vorgesorgt. Die Fläche, auf der die Solarthermieanlage steht, ist so groß, dass diese auf 2.000 Quadratmeter erweitert werden kann und dann den sommerlichen Wärmebedarf des ganzen Orts decken würde. Rund um Radolfzell sind wir jetzt in allen sechs Ortsteilen Energieversorger. In vier Ortsteilen betreiben wir ein Erdgasnetz und in zwei Ortsteilen ein Wärmenetz. Darüber hinaus wurden wir von Allensbach, einer Gemeinde außerhalb unseres Versorgungsgebiets, angefragt, um dort gemeinsam mit der Firma solarcomplex AG ein Wärmenetz zu bauen.“ DAS ENERGIEDORF LIGGERINGEN Betreiber: Stadtwerke Radolfzell GmbH Kontakt: Andreas Reinhardt, Geschäftsführer Stadtwerke Radolfzell GmbH, andreas.reinhardt@stadtwerke-radolfzell.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2018 Hausanschlüsse: 103 Netzlänge: 6 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (1.200 m2), Holzhackschnitzelkessel Solarer Deckungsanteil: 20 % CO2-Einsparung: 1.400 t CO2 pro Jahr Foto: Solites www.solare-waermenetze.de STADTWERKE RADOLFZELL GMBH Anteilseigner: Stadt Radolfzell mit 51 Prozent Thüga AG mit 49 Prozent Geschäftsbereiche: - Energieversorgung von Strom, Gas, Wärme - Energiedienstleistungen und Betriebsführung - Wasserver- und -entsorgung - Infrastrukturdienstleister auch in anderen Netzgebieten - Breitband - ÖPNV, E-Carsharing Seite 9 Die Naturstrom AG wurde durch Mitglieder aus Natur- und Umweltverbänden unmittelbar nach der Strommarktliberalisierung 1998 als einer der ersten Stromanbieter gegründet, der nur Ökostrom im Angebot hatte. Bis heute ist sie ausschließlich im Bereich der erneuerbaren Energien tätig und entwickelte sich so zu einem mittelständischen Unternehmen mit über 400 Mitarbeitern und 13 Standorten in ganz Deutschland. Die Aktien der nicht börsennotierten Naturstrom AG werden zu 51 Prozent von Kleinaktionären gehalten. Darunter fallen Privatpersonen und auch kleinere Genossenschaften. Das Unternehmen eco eco AG ist größter Anteilseigner und hält 25 Prozent der Aktien. NATURSTROM MACHT WÄRME Seit rund acht Jahren ist die Naturstrom AG innerhalb des Geschäftsbereichs „Dezentrale Energieversorgung“ auch im Bereich der Wärmenetze aktiv. Für Nahwärmeprojekte im ländlichen Raum setzt sie bewusst auf die Kombination aus Sonne und Holz als Wärmequelle. Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Naturstrom AG DAS ENERGIEDORF HALLERNDORF Betreiber: Naturstrom AG Kontakt: Thilo Jungkunz, Geschäftsbereichsleiter „Dezentrale Energieversorgung“ der Naturstrom AG, Thilo.Jungkunz@naturstrom.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2016 Hausanschlüsse: 137 Netzlänge: 7 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (1.300 m2), Holzhackschnitzelkessel Solarer Deckungsanteil: 20 % CO2-Einsparung: 600 t CO2 pro Jahr Foto: Naturstrom AG Seite 10 CONTRACTING IN DER WÄRMEVERSORGUNG Contracting bezeichnet einen Vertragsschluss über die Lieferung von Betriebsstoffen. Im Bereich der Wärmenetze gibt es grundsätzlich zwei Contractingformen, wobei beide sich entweder ausschließlich auf die Wärmeerzeugungsanlagen beziehen können oder auch das Wärmenetz einschließen. Wärmeliefer-Contracting: Der Contractinggeber übernimmt die Investition in die Wärmeerzeugungstechnologie und betreibt diese Anlagen auch, während der Contractingnehmer nur die Wärme abnimmt und sonst keinen Betreuungs- oder Investitionsaufwand für die Anlagen hat. Betreiber-Contracting: Der Contractinggeber übernimmt nur den Betrieb der Wärmeerzeugungsanlagen und ist für die Brennstoffbeschaffung zuständig. Die Investition tätigt der Contractingnehmer, der auch Eigentümer der Anlagen bleibt. Hallerndorf in Oberfranken Ökostrom-Anbieter betreibt größte Solarthermieanlage Bayerns In der oberfränkischen Gemeinde Hallerndorf betreibt der Energieversorger Naturstrom AG das 2016 entstandene Wärmenetz mit einer Solarthermieanlage und einem Holzhackschnitzelkessel. Für die Naturstrom AG ist es das zwölfte Wärmenetz, das sie realisiert hat. www.solare-waermenetze.de Thilo Jungkunz ist Geschäftsbereichsleiter „Dezentrale Energieversorgung“ der Naturstrom AG Die Naturstrom AG ist ein deutschlandweit aktives Unternehmen. Gilt das auch für den Wärmenetzbereich? Jein. Für Nahwärmeprojekte, die wir betreiben, müssen wir vor Ort sein. Wir brauchen mindestens einen Betriebsleiter und einen Heizwärter, die die Anlagen betreuen. Deshalb sind wir in der klassischen Nahwärmeversorgung in einem Umkreis von rund 150 Kilometer um Eggolsheim aktiv - grob gesagt in Nordbayern und Thüringen. Wir planen und betreiben aber auch kalte Nahwärmenetze und urbane Quartierkonzepte. Für diese Projekte sind wir deutschlandweit aktiv. Welche Aufgaben übernimmt Naturstrom in den Nahwärmeprojekten? Wir bearbeiten die gesamte Projektentwicklung und -umsetzung. Darunter fällt die Konzepterstellung und die Akquise, sowie danach eine detaillierte Planung, die Bauaufsicht und dann auch der Betrieb der Anlagen und des Netzes. Wir investieren selbst meistens aber nur in die Wärmeerzeugungstechnologien, da das Wärmenetz als Infrastrukturmaßnahme aus unserer Sicht in der Hand der Kommune oder der Bürger vor Ort liegen sollte. Wir arbeiten z.B. in Moosach mit der Kommune und einer Genossenschaft zusammen. Der Kommune gehört das Wärmenetz und die Genossenschaft ist für die Kundenbetreuung zuständig. Naturstrom ist Eigentümer und Betreiber der Wärmeerzeugungsanlagen. Das Wärmenetz haben wir von der Kommune gepachtet, um so auch die gesamte Wärmelieferung bis zum Endkunden sicherstellen zu können. Wir sind vor Ort dann als Betreibergesellschaft in der Form einer GmbH&Co.KG aktiv. An dieser Gesellschaft können sich die Bewohner des Orts beteiligen. Unabhängig von diesem Konzept, sind wir für alle denkbaren Kooperationsformen offen. In Hallerndorf beispielsweise sind wir momentan zumindest alleiniger Eigentümer und Betreiber des Wärmenetzes und der Erzeugungsanlagen. Wie kam es zum Wärmeprojekt und zur besonderen Rolle der Naturstrom AG in Hallerndorf? Initiator für das Wärmenetz war der ortsansässige Verein „Generation Erde“. Dieser Verein betrieb damals bereits ein kleines Wärmenetz in einem Ortsteil von Hallerndorf, das über eine Biogasanlage versorgt wird. Als im Hauptort die Straßensanierung anstand, hat der Verein gleich an das Thema Nahwärme gedacht und kam auf uns zu. Zusammen haben wir die Idee dem Bürgermeister und dem Gemeinderat vorgestellt. Die Gemeinde hat ziemlich schnell das Projekt unterstützt. Allerdings war die Investition für das Wärmenetz von der Kommune finanziell nicht stemmbar. Auch die Gründung einer Genossenschaft kam nicht zustande, weil niemand als Vorstand die Sache in die Hand genommen hätte. Deshalb haben wir uns entschlossen, dort nicht nur in die Erzeugungsanlagen, sondern auch in die Infrastruktur zu investieren. Die Tür steht aber weiterhin für eine Beteiligung der Kommune oder der Bürger offen. Welche anderen Herausforderungen gab es im Vorfeld der Projektentwicklung? Im Vorfeld löste die optische Wahrnehmung der Solarthermieanlage und des Heizhauses Vorbehalte aus. Aber eine Solarthermieanlage kann eine grüne Fläche und das Aussehen eines Ortes auch aufwerten; als die Idee einer Holzverkleidung von Heizzentrale und Pufferspeicher vorgestellt wurde, konnten sich die Bewohner mit dem Projekt anfreunden. Die jetzige Gestaltung mit den großen Fensterflächen ermöglicht den Einblick von außen für die Öffentlichkeit und versprüht einen gewissen Biergarten-Charme. Auch der Koordinationsaufwand während der Bauphase war in Hallerndorf schon sehr hoch. Zum einen lagen teilweise für das Gebiet keine Spartenpläne vor. In manchen Straßenzügen mussten deswegen beide Seiten der Straße aufgebaggert werden, weil auf der einen Seite schon was drin lag. Zum anderen haben sich in Hallerndorf besonders viele Hauseigentümer erst während der Tiefbauarbeiten zu einem Anschluss entschlossen. Dadurch mussten teilweise ganze Trassenverläufe während des Baus neu geplant werden. Welche Vorteile bietet aus Ihrer Sicht eine Wärmenetzlösung mit der Naturstom AG? Wir haben intern einen Prozess mit fünf Stufen definiert, um zielgerichtet Projekte realisieren zu können. Außerdem binden wir die Bürger von Anfang an mit ein und wollen ihre Ideen mitberücksichtigen. Ich denke, dass sind auch die Hauptgründe, warum unsere Projekte ziemlich schnell umgesetzt werden. Bislang haben wir im Schnitt immer ein bis eineinhalb Jahre für die Projekte insgesamt gebraucht. Vorteil eines größeren Unternehmens ist es auch, dass verschiedene Finanzierungsmodelle und Beteiligungsformen möglich sind. Wie man auch an dem Projekt in Hallerndorf sieht, kann flexibel auf die gegebenen Bedingungen reagiert werden, um ein Wärmeprojekt zu realisieren. „Wir sind bei Wärmenetzprojekten für alle Kooperations- und Beteiligungsformen offen.“ Seite 11 Markus Bohnert, Vorstand der Bürger Energie St. Peter eG, ist sehr glücklich mit dem Wärmeprojekt und auch damit, es als Genossenschaft umgesetzt zu haben. Er sagt: „Als Genossenschaftsmitglieder sind wir alle Eigentümer der Wärmeversorgung und beziehen die Wärme zu Selbstkostenpreisen. Das Geschäftsmodell ist ganz anders als das eines Contractors oder eines Energieversorgungsunternehmens: Wir machen keinen Gewinn, sondern ermöglichen bezahlbare Wärme aus der Region. Seit 2013 bleibt unser Wärmepreis konstant - bedenkt man die Inflation, sinkt der Wärmepreis eigentlich.“ DIE URSPRÜNGE Im August 2009 wurde die Genossenschaft mit damals 13 Mitgliedern gegründet. Beteiligt als Aufsichtsratsmitglieder waren auch die Gemeinde mit dem Bürgermeister und die Erzdiözese Freiburg mit einem Mitarbeiter der Abteilung Bau und Liegenschaften, da das Kloster als großer Verbraucher an das Wärmenetz mitangeschlossen werden sollte. Letzterer war vor allem als Rechtsexperte eine wichtige Bereicherung. Um als Genossenschaft eingetragen zu werden, muss ein detailliertes Konzept vorliegen, das vom Genossenschaftsverband geprüft wird. Bohnert erklärt: „Gerade die Prüfung durch eine neutrale Stelle und die damit verbundene Insolvenzsicherheit war uns wichtig und Hauptgrund, weshalb wir uns für die Genossenschaft und gegen einen wirtschaftlichen Verein entschieden haben.“ Für die Zeit vor der Eintragung bedeutete das allerdings: viel Arbeit ohne Kapital. ZUSAMMENARBEIT MIT PLANER „In dieser Vorphase war das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder wichtig, denn erst mit der Eintragung erhält man von der Bank auch Kredite und kann tatsächlich Verträge abschließen. Aber wir wussten auch, dass wir es alleine nicht schaffen und haben deshalb nach einem Planungsbüro mit Erfahrung in diesem Bereich gesucht. Da haben wir Arnold Berghoff (s. Interview) gefunden. Er hat sich daraufhin unsere Genossenschaft angeschaut, ob er uns dieses Projekt auch zutraut, denn er ging hier in relevantem Maße in Vorleistung.“, beschreibt Bohnert den Beginn der Zusammenarbeit. Die zukünftigen Genossenschaftsmitglieder organisierten Infoveranstaltungen für die Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Bürger Energie St. Peter eG Seite 12 Markus Bohnert Vorstand der Bürger Energie St. Peter eG DAS ENERGIEDORF ST. PETER Betreiber: Bürger Energie St. Peter eG Kontakt: Markus Bohnert, Vorstand der eG, info@buergerenergie-st-peter.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2010 Hausanschlüsse: 252 Netzlänge: 12 km Wärmeerzeugungsanlagen: Holzpellets-Holzgas-BHKW, Holzhackschnitzelkessel CO2-Einsparung: 3.500 t CO2 pro Jahr St. Peter im Schwarzwald Eine Genossenschaft realisiert ihr Wärmeprojekt mit einem Planer Gerade im ländlichen Raum werden nachhaltige Wärmenetze auch von Genossenschaften betrieben, die sich zu diesem Zweck gründen. So auch in der Gemeinde St. Peter im Schwarzwald. Die Genossenschaftsmitglieder waren dort für die komplette Projektentwicklung zuständig und führen den Betrieb. Für die technische Planung und Ausführung unterstützte sie ein kompetenter Planer. Bürger und erhoben die relevanten Daten für die Wärmeplanung mittels Fragebögen. Aus diesen Daten erstellte der Planer die technische Dimensionierung und Kostenkalkulation. Das war die Grundlage für den Wärmepreis und für die Genossenschaftseintragung. Darauf aufbauend konnten die Mitglieder Förderanträge stellen und KfWKredite beantragen. Im Februar 2010 wurde die Genossenschaft dann eingetragen und im Mai begann der Bau. DER ALLTAG Ruhig ist es aber noch lange nicht in St. Peter. Das Wärmenetz wächst immer noch und auch die Mitgliederzahl steigt. Die technische Planung übernimmt dabei weiter Berghoff. 2013 wurde ein innovatives Holzpellets- Holzgas-BHKW in Betrieb genommen, das Ökostrom und Wärme produziert. 2016 wurde dann noch ein zweiter Hackschnitzelkessel installiert, wodurch jetzt ganz St. Peter mit Wärme versorgt werden könnte. Bohnert erzählt begeistert: „Das Bio-Energiedorf St. Peter hat Preise gewonnen und ist auch international bekannt. Da müssen wir als Genossenschaft für die Nahwärme keine Werbung mehr machen.“ Aber nicht nur die Erweiterung des Netzes macht Arbeit, sondern auch der Betrieb. „Für die meisten Vorstandsaufgaben und die technische Leitung bin ich zuständig. Da ich als Förster Beamter bin, konnte ein Dienstüberlassungsvertrag über 10 Prozent meiner Beamtenarbeitszeit vereinbart werden. Außerdem beschäftigen wir auch vier Minijobber, die die Wartung und die Ablesung übernehmen. Allerdings hat jeder Beschäftigte bei uns einen Hauptberuf.“, berichtet Bohnert. Mittlerweile hat sich die Genossenschaft finanziell schon so weit entwickelt, dass sie sich auch hauptamtliches Personal leisten könnte. „Für die Zukunft ist die Genossenschaft gut aufgestellt, damit sie auch noch nach der Generation der Gründer bestehen kann.“, ist sich Bohnert sicher. www.solare-waermenetze.de Seite 13 Arnold Berghoff ist selbstständiger Planungsingenieur und begleitete bereits mehrere Nahwärmegenossenschaften in Baden-Württemberg. Welche Rolle übernehmen Sie als Planer bei der Entwicklung eines genossenschaftlichen Wärmenetzprojektes? Die technische Planung umfasst Datenerhebung, Auslegung des Netzes und der Wärmeerzeuger sowie die Auswahl von geeigneten Herstellerfirmen. Neben den rein technischen Fragestellungen, ist es für die Genossenschaft aber auch wichtig, dass bei der Akquise immer auch ein Experte dabei ist, der aus Erfahrung sagen kann: „es funktioniert tatsächlich“. Welche Bedingungen sind für ein genossenschaftliches Wärmenetz notwendig? Die Genossenschaft ist eine Firma. Das heißt, das Geschäftsmodell muss wirtschaftlich tragfähig sein, sonst funktioniert es nicht. Die Projekte sind alle sehr unterschiedlich, aber die Wirtschaftlichkeit entscheidet sich daran, ob die Wärmeabnahme bei gleichzeitig hoher Wärmedichte groß genug ist. Sie waren bereits in sechs Projekten mit Genossenschaften beteiligt. Welche Vorteile bietet dieses Betreibermodell? Die Bürger sind dem Projekt gegenüber viel aufgeschlossener, wenn eine Genossenschaft dieses initiiert. Es gibt zwar immer auch Skeptiker, aber niemand sagt: „Die wollen uns über den Tisch ziehen“. Und nicht nur in Bezug auf den Umsetzungserfolg hat die Genossenschaft Vorteile, sondern auch für die Mitglieder und Wärmeabnehmer insgesamt. Die Mitglieder bestimmten selbst das Preismodell. Da sie keine Gewinnmaximierung verfolgen, sind die Preise immer moderat und stabil. Ein genossenschaftliches Wärmenetz ist ein Geschenk für den Ort. Welche Voraussetzungen sind nötig für eine funktionierende Genossenschaft? Die Menschen, die die Genossenschaft gründen wollen, sind entscheidend. Es braucht einige „Macher“, die motiviert sind und ihre Begeisterung für ein solches Projekt auch weitergeben und die Bürger überzeugen können. Denn nur, wenn ausreichend Viele mitmachen, kann das Projekt wirtschaftlich sein. Dafür müssen die Initiatoren bereit sein, viel Zeit ehrenamtlich zu investieren. Erforderlich sind auch Personen, die betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen. Jemand muss die Geschäftsführung übernehmen und es muss sich jemand um die finanziellen Dinge kümmern: vor der Gründung mit der Bank sprechen, Förderanträge stellen etc. und nach der Gründung die Buchhaltung verantworten. Die Projekte, in denen z.B. ein Bankangestellter oder ein Steuerberater involviert ist, haben sehr gute Voraussetzungen für die Gründung. Vorteilhaft für den Betrieb ist es, wenn jemand technisch versiert ist, um die Anlagen betreuen zu können. „Ein genossenschaftliches Wärmenetz ist ein Geschenk für den Ort.“ Begonnen hat die Geschichte des Energiedorfes Mengsberg mit dem europaweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, der die Dorfgemeinschaft zusammengeschweißt hat. Ohne diesen hätten die Mengsberger wahrscheinlich nie über eine gemeinsame Energieversorgung nachgedacht. In immer neuen Qualifikationsrunden brachte es das 800-Einwohner Dorf seit 2011 mit seinen Ideen und Taten erst zum Regionalsieger, dann zum Hessenmeister, schließlich 2013 zum Bundessieger und 2014 sogar zur europäischen Vizemeisterschaft. Die Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen, war eines der Leitmotive im Wettbewerb. Und dass die Wärme dabei eine große Rolle spielen muss, wurde bald klar, je mehr sich die Mengsberger in das Thema einarbeiteten. Ein Wärmenetz auf Basis heimischer erneuerbarer Energien sollte entstehen. Und um dieses zu betreiben, gründeten die Mengsberger eine gemeinsame Firma, die Bioenergiegenossenschaft Mengsberg eG, die nach Jahren des Planens und Bauens seit dem Frühjahr 2018 ihr eigenes Dorfwärmenetz betreibt. Eine erste Machbarkeitsstudie, die seit dem Jahr 2012 von einem großen Heizungsbauunternehmen aus der nordhessischen Nachbarschaft betreut wurde, sah allerdings zunächst eine Biogasanlage als Basis der Energieversorgung vor. Dafür gab es bereits viele Vorbilder in Deutschland. Doch im Dorf wurde der dafür notwendige flächenhafte Maisanbau immer kritischer diskutiert. Ungenutzte Restholz-Potenziale verrotteten hingegen in den heimischen Wäldern, an denen viele Mengsberger Familien Grundbesitz haben. Schließlich einigte man sich auf eine Kombination aus 80 Prozent Holzheizung und 20 Prozent Solarwärme. GENERALUNTERNEHMER 2017 schlossen die Genossen dann für den Bau des Netzes einen Vertrag mit dem Unternehmen, das sie bereits seit der ersten Machbarkeitsstudie betreut hatte. Es fungierte fortan als Generalunternehmer für Netz und Heizzentrale und übergab die Anlage im Sommer 2018 schlüsselfertig. Sicher seien für Genossenschaften auch andere Konstellationen möglich, meint Vorstandsmitglied Michael Rudewig, indem man sich beispielsweise mit einem erfahrenen Planungsbüro zusammentue, das die einzelnen Baufirmen koordiniere. „Allerdings müsste dann jemand in der Lage sein, sehr genau alle Schnittstellen zu definieren. Damit wären ehrenamtliche Genossenschaftler definitiv überfordert.“ Die Mengsberger jedenfalls fühlten sich bei ihrem Generalunternehmer in guten Händen. In die Genossenschaft hat jeder Anschlusswillige eine Einlage von 4.000 Euro pro Gebäude eingebracht. Dafür wird ihm das Fernwärmerohr bis ins Haus gelegt und eine Übergabestation installiert. ARBEIT IN DER GENOSSENSCHAFT Für die Ehrenamtlichen in Vorstand und Aufsichtsratssitzung war das eine anstrengende und teils nervenaufreibende Zeit. Jeden Mittwochmorgen um acht Uhr war Baubesprechung im Feuerwehrhaus, und am gleichen Abend ging es jeweils mit einer Aufsichtsratssitzung weiter. Die Aufsichtsräte wiederum trugen die Informationen zu ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern ins Dorf. Und mindestens einmal pro Jahr trifft sich satzungsgemäß auch die große Runde aller Genossinnen und Genossen. Dass es dort mitunter hoch hergehe, bestätigt Rudewig mit Augenzwinkern: „Unsere Generalversammlungen sind von Diskussionen geprägt.“. Denn bei aller Einigkeit in der Sache ist immer wieder auch Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein Dauerthema sind die jeweils aktuellen Energieund Wärmepreise. Denn seit dem Beschluss über die Gründung der Genossenschaft und dem Bau des Wärmenetzes ging der Ölpreis keineswegs stetig nach oben. Getrieben vom Weltmarkt gab es vielmehr auch Niedrigpreis- Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Foto: Guido Bröer Seite 14 Mengsberg in Mittelhessen Ein Generalunternehmer unterstützt das genossenschaftliche Wärmeprojekt Auch in Mengsberg betreibt eine Genossenschaft ein Wärmenetz – mit Solarthermieanlage. Aber nicht nur die Solarthermieanlage unterscheidet die Genossenschaft von jener in St. Peter, sondern auch die Umsetzung. In Mengsberg arbeitet die Genossenschaft mit einem Generalunternehmer zusammen. Dieser war für die komplette Projektentwicklung und Realisierung zuständig und ist im Betrieb auch Ansprechpartner für technische Serviceleistungen. phasen. Und der eine oder andere im Dorf hat neben dem Wärmenetzanschluss seine alte Ölheizung oder seinen Kaminofen behalten und befeuert diese weiter, was zu einer geringeren Wärmeabnahme im Netz und somit höheren Wärmepreisen für alle führt. Nach der ersten Heizperiode sah sich die Genossenschaft deshalb gezwungen die Mindestabnahmemenge pro Anschluss zu erhöhen, wovon nur Besitzer von Niedrigenergiegebäuden ausgenommen werden können. WARUM GENOSSENSCHAFT? Bei solchen Beschlüssen hat jedes Genossenschaftsmitglied eine Stimme, egal ob es ein oder mehrere Gebäude besitzt und entsprechend viele Geschäftsanteile. „Eine Genossenschaft ist die fairste Form der Bürgerbeteiligung“, ist Rudewig überzeugt. Denn wie in keiner anderen Unternehmensform würden hier ja nicht nur unerwartete Lasten gemeinsam geteilt, sondern auch ein möglicher Überschuss. Wenn beispielweise aufgrund des starken Borkenkäferbefalls der Jahre 2019 und 2020 Brennstoff zum Schnäppchenpreis beschafft werden kann, dann könne die Genossenschaft am Jahresende sehr unbürokratisch eine Rückvergütung an alle vornehmen, erklärt Rudewig, der für die Genossenschaft ehrenamtlich alle Abrechnungen macht. In der Saison 2020 sieht es danach allerdings nicht aus, denn die Corona-Pandemie hat den Genossen einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Während der Heizsaison sind unsere größten Energieabnehmer – Hallenbad, Grundschule und Kindergarten – geschlossen“, klagt Rudewig. „Immerhin hilft uns das billige Käferholz die Verluste teilweise zu kompensieren.“ Freuen können sich die Energiegenossen aber bereits auf den Zeitpunkt in 10 bis 15 Jahren, wenn die Kredite für das Wärmenetz abbezahlt sein sollen. Dann nämlich wollen alle von sinkenden Wärmepreisen profitieren. „Ja,“ sinniert Rudewig, „es ist ein Generationenprojekt!“ www.solare-waermenetze.de Seite 15 DIE ENERGIEGENOSSENSCHAFT Eine Energiegenossenschaft ist eine eingetragene Genossenschaft (eG), die speziell in Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien aktiv ist. Wesenskern jeder Genossenschaft ist ein konkreter, langfristiger Nutzen für die Mitglieder, der nicht ausschließlich finanzieller Natur ist. Die Energiegenossenschaft strebt eine ökologisch nachhaltige und preisstabile Energieversorgung für die Genossenschaftsmitglieder an. Dafür realisiert und betreibt diese lokal erneuerbare Energieerzeugungsanlagen. Ist die Energiegenossenschaft nur im Wärmesektor aktiv, wird sie auch Nahwärmegenossenschaft genannt. ZAHLEN IN DEUTSCHLAND Der Zuwachs an Energiegenossenschaften in den letzten Jahren zeigt, wie wichtig den Menschen die Mitbestimmung und Mitgestaltung in Bezug auf erneuerbare Energien geworden ist. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Anzahl an Energiegenossenschaften in Deutschland mehr als verfünffacht. Mittlerweile gibt es über 840 Energiegenossenschaften in ganz Deutschland.1 RECHTLICHE GRUNDLAGEN Genossenschaften unterliegen dem Genossenschaftsgesetz. Wesentliche gesellschaftsrechtlichen Merkmale sind: 1 DGRV, Zahlen und Fakten, www.dgrv.de/bundesgeschaftsstelle- energiegenossenschaften, 2019 DAS ENERGIEDORF MENGSBERG Betreiber: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg eG Kontakt: Michael Rudewig, Vorstandsmitglied, begmengsberg@outlook.de Inbetriebnahme Wärmenetz: 2018 Hausanschlüsse: 147 Netzlänge: 9 km Wärmeerzeugungsanlagen: Solarthermieanlage (2.950 m2), Holzhackschnitzelkessel Solarer Deckungsanteil: 17 % CO2-Einsparung: 1.400 t CO2 pro Jahr Foto: Guido Bröer Eigenkapital wird aus den Geschäftsanteilen der Mitglieder gebildet. Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Anzahl seiner Geschäftsanteile. Es besteht eine Prüfungspflicht durch den Genossenschaftsverband vor der Gründung und anschließend mind. alle zwei Jahre. Die eG gilt als insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland. ZUM THEMA GENOSSENSCHAFT Der Dachverband: Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V. www.dgrv.de Die Prüfungsverbände für Genossenschaften sind regional organisiert. Spezielle Informationen für Energiegenossenschaften: www.genossenschaften.de/energie Gefördert durch: www.solare-waermenetze.de IMPRESSUM Das Infoblatt Solare Wärmenetze ist eine Initiative im Rahmen von Solnet 4.0, einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Vorhaben zur Marktbereitung für solare Wärmenetze. Die Projektpartner sind das Steinbeis Forschungsinstitut Solites, der Fernwärmeverband AGFW, das Hamburg Institut sowie die Herausgeber der Zeitschrift Energiekommune. Herausgeber: Steinbeis Innovation gGmbH vertreten durch Steinbeis Forschungsinstitut Solites (www.solites.de) Redaktion: Sabine Ott, Thomas Pauschinger (Solites) Guido Bröer, Guido Bröer & Andreas Witt GbR Veröffentlichung: August 2020 Haftungsausschluss: Das dieser Publikation zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem Förderkennzeichen 03EGB0002A gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Dokuments liegt bei den AutorInnen. Weder der Fördermittelgeber noch die AutorInnen übernehmen Verantwortung für jegliche Verwendung der darin enthaltenen Informationen. Energiekommune Infoblatt Solare Wärmenetze | Nr. 7 Weiterführende Informationen zu solaren Wärmenetzen Die Seite www.solare-waermenetze.de bietet Ihnen: Aktuelle Neuigkeiten zu solaren Wärmenetzen Veranstaltungen, Workshops und Kurse Eine Wissensdatenbank mit zahlreichen Publikationen und Medien Leitfäden mit praktischem Know-how Kontakte zu Anbietern und Dienstleistern für ihr Projekt Gefördert durch: www.solare-waermenetze.de IMPRESSUM Das Infoblatt Solare Wärmenetze ist eine Initiative im Rahmen von Solnet 4.0, einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Vorhaben zur Marktbereitung für solare Wärmenetze. Die Projektpartner sind das Steinbeis Forschungsinstitut Solites, der Fernwärmeverband AGFW, das Hamburg Institut sowie die Herausgeber der Zeitschrift Energiekommune. Herausgeber: Steinbeis Innovation gGmbH vertreten durch Steinbeis Forschungsinstitut Solites (www.solites.de) Redaktion: Sabine Ott, Thomas Pauschinger (Solites) Guido Bröer, Guido Bröer & Andreas Witt GbR Veröffentlichung: August 2020 Haftungsausschluss: Das dieser Publikation zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem Förderkennzeichen 03EGB0002A gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Dokuments liegt bei den AutorInnen. Weder der Fördermittelgeber noch die AutorInnen übernehmen Verantwortung für jegliche Verwendung der darin enthaltenen Informationen.

2022-07-15T12:45:09+02:00Dienstag, 1. September, 2020|

Innovative Lösungs- und Entwicklungskonzepte zur Marktbereitung für solare Wärmenetze in der Wohnungswirtschaft

Innovative Lösungs- und Entwicklungskonzepte zur Marktbereitung für solare Wärmenetze in der Wohnungswirtschaft HIR Hamburg Institut Research gGmbH 2 Innovative Lösungs- und Entwicklungskonzepte zur Marktbereitung für solare Wärmenetze in der Wohnungswirtschaft Autoren: Dr. Matthias Sandrock, Dr. Nikolai Strodel, Christian Maaß, Dr. Alexandra Purkus, Dr. Hilmar Westholm, Jonathan Claas-Reuther, Felix Landsberg, Eva Augsten HIR Hamburg Institut Research gGmbH Paul-Nevermann-Platz 5 22765 Hamburg www.hamburg-institut.com Hamburg, 2020 Wir bedanken uns für die Unterstützung aus der Wohnungswirtschaft durch: GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. VNW Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V. WGH Wohnungsbaugenossenschaft Halberstadt eG Dieser Bericht wurde im Rahmen des Vorhabens: „Solnet 4.0 - Innovative Lösungs- und Entwicklungskonzepte zur Marktbereitung für solare Wärmenetze“ erstellt. Förderkennzeichen: 03EGB0002A, 03EGB0002B, 03EGB0002C Laufzeit des Vorhabens: 1.8.2017 - 30.9.2020 Gefördert durch: Haftungsausschluss: Das dieser Publikation zugrundeliegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem Förderkennzeichen 03EGB0002A gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Dokuments liegt bei den AutorInnen. Weder der Fördermittel-geber noch die AutorInnen übernehmen Verantwortung für jegliche Verwendung der darin enthaltenen Informationen. 3 Inhalt A Bedeutung der Solarthermie für den Klimaschutz im Gebäudesektor ............. 5 1. Potenzial und Nutzungseigenschaften ..................................................... 5 2. Derzeitiger Marktstatus ............................................................................ 8 3. Entwicklungsperspektiven ...................................................................... 12 4. Rolle der Wohnungswirtschaft ............................................................... 14 B Anwendungsoptionen der Solarthermie im Wohnungsbau ........................... 16 1. Gebäudeorientierte Nutzung .................................................................. 16 1.1. Warmwasserbereitung.................................................................... 17 1.2. Heizungsunterstützung ................................................................... 17 1.3. Solarhäuser ..................................................................................... 18 2. Solarthermisch unterstützte Wärmenetze ............................................. 19 2.1. Wärmenetze für Trinkwarmwasser ................................................ 20 2.2. Wärmenetze für Raumheizung und Trinkwarmwasser .................. 21 2.3. Wärmenetze mit saisonaler Speicherung ....................................... 22 C Kosten und Wirtschaftlichkeit ......................................................................... 24 1. Investitionskosten ................................................................................... 24 2. Betriebskosten ........................................................................................ 25 3. Wärmegestehungskosten ....................................................................... 25 4. Förderung ............................................................................................... 26 D Rechtlicher Rahmen ........................................................................................ 29 1. Europäischer Regelungsrahmen ............................................................. 29 1.1. Europäisches Klimagesetz ............................................................... 29 1.2. Europäische Klimaschutzverordnung .............................................. 30 1.3. Europäische Governance-Verordnung ............................................ 30 1.4. Europäische Gebäudeeffizienzrichtlinie ......................................... 31 1.5. Europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie ................................ 31 1.6. Europäische Effizienz-Richtlinie ...................................................... 32 1.7. Europäische Emissionshandelsrichtlinie ......................................... 32 2. Nationaler Regelungsrahmen ................................................................. 33 2.1. Bundes-Klimaschutzgesetz .............................................................. 33 2.2. Gebäudeenergiegesetz ................................................................... 33 2.3. Brennstoff-Emissionshandelsgesetz ............................................... 35 2.4. Wärmelieferverordnung ................................................................. 35 2.5. AVBFernwärmeverordnung ............................................................ 36 2.6. Bauordnungsrecht für gebäudeorientierte Solaranlagen ............... 37 2.7. Planungs- und Genehmigungsrecht für solare Freiflächenanlagen 37 4 E Hemmnisse ...................................................................................................... 39 1. Bekanntheit und Image........................................................................... 39 2. Rechtliche Hemmnisse ............................................................................ 40 3. Flächenverfügbarkeit .............................................................................. 42 4. Technische Herausforderungen .............................................................. 43 5. Wirtschaftliche Hemmnisse .................................................................... 44 F Technische Lösungsansätze ............................................................................. 45 1. Saisonale Wärmespeicherung im Quartier ............................................. 45 2. Dezentrale Einspeisung in das Fernwärmenetz ...................................... 48 3. Sektorkopplung mit dem Stromsystem .................................................. 50 4. Multikodierte Flächennutzung ............................................................... 52 G Organisatorische und rechtliche Lösungsansätze ........................................... 58 1. Wärmenetze in eigener Verantwortung der Wohnungswirtschaft ........ 58 2. Contracting und Betreibermodelle ......................................................... 59 3. Warmmieten-Modelle ............................................................................ 61 4. Bivalente Netzversorgung mit Solarthermie .......................................... 62 5. Geschäftsmodelle zur Netznutzung ........................................................ 66 6. Herkunftsnachweise und Bilanzierung von Wärme ............................... 68 H Fallbeispiele ..................................................................................................... 73 1. Freiburg: Neue Energie für alte Mauern ................................................. 73 2. Hamburg-Harburg: Sonnenernte für den Winter einfrieren .................. 75 3. Rostock-Brinckmannshöhe: Solarwärme aus dem Untergrund ............. 79 4. Frankfurt-Unterliederbach: Sozialer und solarer Wohnungsbau ........... 81 5. Düsseldorf: Optimierung der dezentralen Solareinspeisung .................. 83 6. Hamburg-Wilhelmsburg: Einspeisetarif für Solarwärme ........................ 85 7. Berlin-Adlershof: Das Wärmenetz als Speicher nutzen .......................... 87 8. Cottbus-Sandow: Sonnenhäuser mit Energie-Flatrate ........................... 89 9. Graz-Waltendorf: Solarcontracting am Berliner Ring ............................. 92 I Literaturverzeichnis ......................................................................................... 94 5 A Bedeutung der Solarthermie für den Klimaschutz im Gebäudesektor 1. Potenzial und Nutzungseigenschaften Die Solarthermie wird als Baustein der Energiewende im Wärmebereich in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt. Das theoretische Energiepotenzial der Solarstrahlung ist immens groß und flächendeckend verfügbar. Die während nur einer Stunde auf die Erdoberfläche eingestrahlte Solarstrahlung entspricht etwa dem globalen Energiebedarf eines ganzen Jahres. In Deutschland beträgt die jährliche Solarstrahlung etwa 1.000 kWh je m² Landfläche, daraus ergibt sich ein – theoretisches – Potenzial von 357.000 TWh. Zum Vergleich: die jährlich notwendige Wärmemenge für Heizung und Warmwasser in den Wohngebäuden beträgt etwa 500 TWh. Im Süden Deutschlands scheint die Sonne mehr und kräftiger als im Norden. Jedoch sind diese Unterschiede nicht so gravierend, wie es die Darstellung in den üblichen Strahlungskarten vermuten läßt. Auch im Norden ist eine wirtschaftliche Nutzung der Solarthermie möglich. Die Nutzung der Solarthermie ist möglich über dezentrale (gebäudebezogene) Anwendungen oder über die Einspeisung der Solarwärme in Nah- und Fernwärmesysteme (zentrale Anwendung). Das technisch nutzbare Potenzial der dezentralen Solarthermie wird in verschiedenen wissenschaftlichen Studien mit Werten in einem Korridor zwischen 78 und 120 TWh jährlich beziffert. (Corradini, 2013) (Jochum, et al., 2017). Für die zentrale Anwendung der Solarthermie wurden im BMWi-Projekt AIRE etwa 92 TWh ermittelt (IFEU, 2020). Gegenüber dem technischen Potenzial hängt das wirtschaftlich erschließbare Potenzial der Solarthermie von vielen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab, wie etwa den Referenzkosten einer fossilen Energieversorgung, der Förderkulisse oder der (künftigen) Bepreisung von CO2-Emissionen. Auch die jeweilige Kombination der Solarthermieanlage mit anderen Erzeugungstechniken beeinflußt das wirtschaftliche Potenzial. Beispielhaft kann durch eine Kombination von Wärmepumpen mit Solarthermie die Wärmequelle der Wärmepumpe regeneriert werden und so ein Zusatznutzen generiert werden. Bei der zentralen Anwendung der Solarthermie in Wärmenetzen sind weitere Kriterien wie etwa die Konkurrenz durch andere Wärmequellen (z.B. Müllverbrennungsanlagen) zu berücksichtigen. Für die Abschätzung künftiger Ausbaupotenziale ergeben sich somit große Unsicherheiten. Das wirtschaftliche Potenzial der Solarthermie kann für den dezentralen Sektor mit Werten zwischen 18 und 33 TWh jährlich abeschätzt werden (Sterchele, et al., 2020). Für den Bereich der zentralen Solarthermieanwendung mit Einbindung in Wärmenetze ergeben sich je nach zugrunde gelegtem Szenario Potenzialwerte von 6 bis zu 55 TWh jährlich (Gerhardt, et al., 2019) (Gerbert, et al., 2018). Hieraus wird deutlich, dass ein großer Teil des heutigen Wärmebedarfs im Gebäudesektor über die Energiequelle Solarthermie abgedeckt werden könnte. Das Potenzial der Solarenergie übersteigt den Wärmebedarf um ein Vielfaches Das wirtschaftlich nutzbare Potenzial hängt stark von den energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab Ein großer Teil des heutigen Wärmebedarfs im Gebäudebereich könnte solar gedeckt werden. 6 Im Gegensatz zur Verwendung fossiler Brennstoffe ist die Nutzung der Solarstrahlung mit nahezu keinen umweltschädlichen Wirkungen verbunden. Es enstehen keine Emissionen, keine Risiken und keine Altlasten. Solarkollektoren werden in verschiedenen Bauarten für die Energiegewinnung eingesetzt. Entscheidend ist hier das erforderliche Nutztemperaturniveau. Unverglaste Absorber können bei sehr niedrigem Temperaturniveau eingesetzt werden (Freibäder) oder in Verbindung mit Wärmepumpen (Luftkollektoren). Flachkollektoren sind die üblichste Bauform für Raumheizung und Warmwasser. Für höhere Temperaturen können Vakuumröhrenkollektoren eingesetzt werden. Konzentrierende Kollektoren kommen bei sehr hohen Temperaturen zum Einsatz (industrielle Prozesswärme). Der Wirkungsgrad der Solarkollektoren für die Umwandlung der Solarstrahlung in nutzbare Wärme beträgt etwa 30 – 50%. Dabei sind der Kollektortyp und die Nutztemperatur entscheidend. Niedrige Nutztemperaturen begünstigen den Wirkungsgrad der Kollektoren. Die eingestrahlte Solarenergie konzentriert sich zu etwa ¾ auf das Sommerhalbjahr. Der Gebäude-Wärmebedarf ist jedoch in der Heizperiode am größten, im Sommer hauptsächlich auf Warmwasserbereitung beschränkt. Dieses gegenläufige Verhältnis zwischen Energiedargebot und -bedarf beschränkt die Nutzung der Solarthermie bzw. erfordert speziell angepasste Techniken. Abbildung 1: Solare Einstrahlung und Nutzungsmöglichkeiten im Gebäudebestand (Bildquelle: Solites) Die Auslegung einer dezentralen Solarthermieanlage zur Warmwasserbereitung nach der VDI-Richtlinie 6002 (Solare Trinkwassererwärmung) führt im Gebäudebestand1 zu einem sehr geringen solaren Deckungsgrad am gesamten gebäudebezogenen Wärmebedarf von nur etwa 3%. Üblicherweise wird jedoch eine derartige 1 Bei neu errichteten Gebäuden hat durch den verbesserten baulichen Wärmeschutz der Energiebedarf für Warmwasser gegenüber der Raumheizung einen wesentlich höheren Anteil. Entsprechend erhöhen sich dadurch auch die möglichen solaren Anteile am gebäudebezogenen Wärmebedarf. Die Nutzung hat nahezu keine schädlichen Umweltauswirkungen. Etwa ¾ der Solar-strahlung entfällt auf das Sommerhalbjahr 7 Solarthermieanlage so ausgelegt, dass im Sommer der Warmwasserbedarf komplett durch die Anlage abgedeckt wird. Mit einer solchen Anlagenkonfiguration können etwa 7 % des Gebäudewärmebedarfs gedeckt werden. Mit größeren Kollektorflächen und Nutzung der Solarwärme auch für die Raumheizung kann dieser Wert auf etwa 15-20 % erhöht werden. Werden noch höhere Anteile der Solarthermie am Wärmebedarf gewünscht, muss die eingestrahlte Solarwärme bis zur Nutzung in der Heizperiode gespeichert werden. Mit dem Einsatz saisonaler Wärmespeicher bei solarthermisch unterstützten Wärmenetzen können solare Anteile von mehr als 50 % erreicht werden. Hier stehen verschiedene Bauarten saisonaler Speicher zur Verfügung. Mit saisonaler Speicherung können solare Anteile am Wärmebedarf von mehr als 50% erreicht werden 8 2. Derzeitiger Marktstatus Generell hat sich die Solarthermie in Deutschland als Technologie zur Warmwasserbereitung und Unterstützung der Raumheizung in Wohngebäuden mit großer Verbreitung bewährt. Thermische Sonnenkollektoren und die zugehörigen Systemlösungen haben einen hohen technischen Standard erreicht. In Deutschland sind derzeit thermische Solaranlagen mit einer kumulierten Gesamtkollektorfläche von etwa 19,3 Mio. Quadratmetern installiert und leisten einen Beitrag zur Wärmeversorgung von etwa 8,5 TWh jährlich (Stand 12/2019).2 Insgesamt stellen die erneuerbare Energien im Wärmesektor mit einer Energiemenge von etwa 176 TWh im Jahr 2019 einen Anteil von etwa 14,5 % des gesamten Endenergieverbrauchs an Wärme und Kälte. Die Solarthermie liefert davon einen Anteil von etwa 5 %. Abbildung 2: Endenergieverbrauch an Wärme aus erneuerbaren Energien im Jahr 2019, Quelle: Umweltbundesamt Auf den gesamten Energiebedarf an Wärme bezogen liegt der Anteil der Solarthermie nur bei etwa 1 %. Jedoch steht der Strukturwandel im Wärmesektor zu erneuerbaren Energien noch am Anfang und es wird vor dem Hintergrund der Zielsetzung eines künftig klimaneutralen Gebäudebestands ein deutliches Marktwachstum in den nächsten Jahren erwartet (s. Kapitel A3). 2 Diese Zahlen beziehen sich auf die amtliche Statistik der AGEE-Stat (Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik). Die Werte sind geringer als die der Branchenstatististik des BSW (Bundesverband Solarwirtschaft), da die AGEEStat im Gegensatz zum BSW einen Rückbau von Anlagen nach einer Lebensdauer von 20 Jahren voraussetzt. Solarthermie liefert etwa 5 % des Anteils an erneuerbaren Energien im Wärmesektor 9 Entwicklungen in den letzten Jahren Deutschland war in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre mit großem Abstand der größte Solarthermiemarkt Europas. Dieser Rang konnte zumindest in absoluten Zahlen bislang noch gehalten werden, jedoch ist der jährliche Ausbau seit dem Rekordjahr 2008 bis einschließlich 2019 fast stetig zurückgegangen. Abbildung 3: Eigene Darstellung auf der Grundlage der Verbandsstatistik BSW/BDH Stand: 03/2020 Der weitaus größte Teil des Solarthermiemarktes in Deutschland entfällt auf relativ kleine Dachanlagen im Bereich der von den Eigentümern selbst genutzten Ein- und Zweifamilienhäuser. Genaue statistische Daten liegen hierzu nicht vor. Von verschiedenen Marktexperten wird jedoch der Anteil dieser Kleinanlagen auf mehr als 95 % des Marktes geschätzt. Andere Solarthermie-Anwendungen wie etwa im Bereich des Mietwohnungsbaus oder im Bereich Industrie und Gewerbe stehen demgegenüber deutlich zurück. Marktsituation im Mietwohnungsbau Auch für den hier im Fokus stehenden Bereich der Mietwohngebäude stehen nur wenig belastbare Daten zur Verfügung. Eine Unterstützung des Projekts erfolgte freundlicherweise durch den GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. Nach eigener Aussage repräsentiert der GdW rund 3.000 kommunale, genossenschaftliche, kirchliche, privatwirtschaftliche, landes- und bundeseigene Wohnungsunternehmen. Insgesamt bewirtschaften diese Unternehmen etwa 30 % aller Mietwohnungen in Deutschland. Nach einer internen Statistik3 des GdW waren im Jahr 2016 etwa 3.480 Solarkollektoranlagen mit ingesamt etwa 106.000 m² Kollektorfläche bei den Mitgliedsunternehmen installiert. Dies entspräche einem Anteil von etwa 0,6 % der insgesamt installierten Kollektorfläche. 3 Persönliche Mitteilung des GdW 0,00 0,00 200,00 200,00 400,00 400,00 600,00 600,00 800,00 800,00 1000,00 1000,00 1200,00 1200,00 1400,00 1400,00 1600,00 1600,00 1800,00 1800,00 2000,00 2000,00 2000 2000 2001 2001 2002 2002 2003 2003 2004 2004 2005 2005 2006 2006 2007 2007 2008 2008 2009 2009 2010 2010 2011 2011 2012 2012 2013 2013 2014 2014 2015 2015 2016 2016 2017 2017 2018 2018 2019 2019 Zubau an Solarkollektorfläche in 1.000 m² Zubau an Solarkollektorfläche in 1.000 m² Zubau an Kollektorfläche 2000 --20192019 Flachkollektor Flachkollektor Vakuumkollektor Vakuumkollektor Der Solarthermiemarkt ist in Deutschland seit etwa 10 Jahren rückläufig Etwa 95 % des Marktes entfallen auf kleine Anlagen im Ein- und Zweifamilienhaus-bereich 10 Wird vorausgesetzt, dass der GdW-Anteil am Mietwohnungsmarkt in Deutschland etwa 1/3 beträgt und auch im restlichen Mietwohnungsmarkt eine ähnliche Verbreitung von Solarthermieanlagen zu finden ist, kann der Anteil am gesamten Solarthermiemarkt mit etwa 1,5 - 2 % abgeschätzt werden. Vor dem Hintergrund, dass etwa 57% der Haushalte in Deutschland zur Miete wohnen4, ist dieser Marktanteil sehr gering. Aufschlussreich ist auch die Entwicklung der installierten Solaranlagen im Bereich der GdW-Mitgliedsunternehmen aufgeteilt nach Solarthermie-Anlagen und Fotovoltaik-Anlagen zur Stromerzeugung. Abbildung 4: Installierte Solaranlagen bei GdW-Unternehmen (Daten: GdW) Während in den Jahren bis 2010 zahlenmäßig noch mehr Solarthermie-Anlagen als Photovoltaik- Anlagen in Betrieb waren, hat sich das Verhältnis seitdem umgekehrt. Diese Entwicklung dürfte sich in den letzten Jahren seit 2016 weiter zugunsten der Photovoltaik fortgesetzt haben. Solarthermisch unterstützte Wärmenetze Im Gegensatz zu dem insgesamt rückläufigen Solarthermiemarkt in Deutschland zeigt sich in den letzten Jahren eine positive Marktentwicklung im Bereich großflächiger Solaranlagen mit Einbindung in Nah- und Fernwärmenetze. Sehr oft werden diese Anlage nicht auf Gebäudedächern, sondern als Freiflächenanlagen errichtet. Ende 2019 waren in Deutschland etwa 38 solarthermische Großanlagen mit einer einer Kollektorfläche von etwa 75.000 Quadratmetern in Wärmenetze eingebunden und in Betrieb. Die Kollektorfläche in diesem Marktsegment hat sich im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Mitte des Jahres 2020 wurde die Schwelle von 100.000 Quadratmetern überschritten. Auch für die kommenden Jahre ist nach dem Stand der in Bau und Planung befindlichen Projekte unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Realisierungs-wahrscheinlichkeiten eine deutliche Steigerung in diesem Marktsegement zu erwarten. Die prognostizierte Marktentwicklung bis 2025 geht von einer Verdopplung 4 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/237719/umfrage/verteilung-der-haushalte-in-deutschland-nach-miete-und-eigentum/ 0 0 1.000 1.000 2.000 2.000 3.000 3.000 4.000 4.000 5.000 5.000 6.000 6.000 2001 2001 2005 2005 2007 2007 2010 2010 2013 2013 2016 2016 Anzahl der Anlagen Anzahl der Anlagen Installierte Solaranlagen bei GdW--UnternehmenUnternehmen Solarthermie Solarthermie Photovoltaik Photovoltaik Obwohl mehr als 50 % der Haushalte in Miet-wohnungen wohnen, beträgt der Anteil am Solarthermiemarkt nur etwa 2 % Eine positive Markt-entwicklung zeigt sich im Bereich der solaren Wärmenetze. 11 der Anlagenzahl auf mehr als 80 und einem Ausbau auf gut 300.000 Quadratmeter Kollektorfläche aus. 5 Abbildung 5: Reale und prognostizierte Marktentwicklung bei solarthermischen Großanlagen mit Einbindung in Wärmenetze (Quelle: Solites) Ursächlich für diesen Trend sind vor allem die deutlich geringeren Wärme-gestehungskosten der solaren Großanlagen gegenüber den kleinen Anlagen auf Ein- und Zweifamilienhäusern (s. Kap. C). Welchen Einfluß das Segment der Wärmenetze bei geeigneten energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf den Solarmarkt insgesamt haben kann, zeigt die Entwicklung im Nachbarland Dänemark. Dort nimmt die Solarthermie als Erzeugungsoption für Wärmenetze mittlerweise einen wichtige Rolle im Mix der verschiedenen erneuerbaren Energien ein. Mehr als 150 Großanlagen mit mehr als 1,3 Mio. Quadratmetern Kollektorfläche sind in Dänemark bereits installiert. Dies hat dazu geführt, dass die pro Kopf installierte Kollektorfläche in Dänemark in den letzten Jahren eine rasante Marktentwicklung zeigt und weit über den anderen europäischen Ländern liegt. 5 Solites (2020): Solare Nah- und Fernwärme in Deutschland. Online verfügbar unter https://www.solar-district-heating.eu/de/aktuelles/medien/ In Dänemark sind große Freiflächenanlagen weit verbreitet 12 Abbildung 6: Entwicklung des Solarthermiemarkts pro Einwohner in Europa (Quelle: Solar Heat Europe) 3. Entwicklungsperspektiven Auch wenn derzeit die Solarthermie mit weniger als 1 % Anteil noch einen vergleichsweise geringen Beitrag zur Deckung des gesamtem Wärmebedarfs beiträgt, so ist doch davon auszugehen, dass dieser Anteil in Zukunft deutlich ansteigen wird. Für das Ziel eines langfristig klimaneutralen Gebäudebestandes ist neben der energetischen Modernisierung der Gebäude die Transfomation der Wärme-versorgung zur Nutzung erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme der wichtigste Hebel. Es ist weder realistisch noch kosteneffizient, die Klimaschutzziele im Gebäudesektor ausschließlich über Effizienzmaßnahmen anzustreben. Ohne eine dynamische Zunahme der erneuerbaren Energien im Wärmesektor würden die Kosten für die dann zusätzlich erforderlichen Effizienzmaßnahmen erheblich steigen. Verschiedene volkswirtschaftliche Studien wie auch die Leitszenarien der Bundesregierung deuten hierbei auch auf eine steigende Bedeutung der Solarthermie für den Wärmemarkt hin. Zwar ist die Solarthermie angesichts konkurrierender Technologien wie Wärmepumpen und Biomasse nicht alternativlos, dürfte aber doch in einem überwiegend auf erneuerbaren Energien beruhenden Energiemix für den Wärmebereich weitaus größere Bedeutung als bisher gewinnen. Nach der im Jahr 2015 veröffentlichten Energieeffizienzstrategie Gebäude der Bundesregierung steigt im Zielszenario „Erneuerbare Energien“ (36 % Endenergie-einsparung, 69 % erneuerbare Energien) der Anteil der Solarthermie am Energie-bedarf für Raumwärme und Warmwasser im Jahr 2050 auf einen Wert von etwa 18 %. Nach den Ergebnissen dieses Szenarios werden etwa 93 TWh jährlich über die Solarthermie erzeugt, davon 11 TWh zentral über Wärmenetze. (BMWi, 2015) Die BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“ (Gerbert, et al., 2018) aus dem Jahr 2018 geht in ihrem Szenario mit 95 % Treibhausgasemission davon aus, dass im Jahr 2050 ein Anteil von 16 % des Wärmebedarfs für Gebäude über Solarthermie gedeckt wird. Bei einem dort zugrunde gelegten Wärmebedarf von insgesamt 383 TWh werden Die Bedeutung der Solarthermie im künftigen Energiemix wird stark ansteigen 13 nach diesem Szenario 41 TWh über dezentrale Solarthermie erbracht und 20 TWh zentral über die Einspeisung in Wärmenetze. Nach dem Szenario der 2020 erschienenen Studie „Klimaneutrales Deutschland“ (Prognos; Öko-Institut; Wuppertal Institut, 2020) werden im Jahr 2050 etwa 45 TWh über Solarthermie erzeugt, davon 13 TWh zentral über Wärmenetze. Insgesamt deckt die Solarthermie nach diesem Szenario etwa 7 % des Wärmebedarfs im Gebäudesektor. Abbildung 7: Möglicher Beitrag der Solarthermie zur Deckung des gebäudebezogenen Wärmebedarfs in 2050 Der Blick auf das Jahr 2050 ist naturgemäß mit vielen Unsicherheiten in Bezug auf die künftigen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen behaftet. Allen betrachteten Szenarien ist jedoch gemeinsam, dass ◼ der Beitrag der Solarthermie zum Wärmebedarf im Gebäudesektor gegenüber dem status quo sehr deutlich anwachsen wird und ◼ ein wesentlicher Anteil der solaren Wärme zentral über Wärmenetze bereit gestellt werden wird. Der künftige Wachstumspfad der Solarthermie im Bereich der zentralen Erzeugung hängt stark vom Ausbau der Fernwärme-Infrastruktur in Deutschland und der Transformation der Fernwärmeerzeugung zu erneuerbaren Energien und Abwärme ab. Mit einem starken Ausbau der Fernwärme-Infrastruktur in Deutschland gewinnt auch die Option der Solarthermie über die Integration in die Wärmenetze eine stärkere Bedeutung. 0 0 10 10 20 20 30 30 40 40 50 50 60 60 70 70 80 80 90 90 100 100 Status Quo Status Quo BMWi BMWiEffizienzstrategieEffizienzstrategie(2050)(2050) Klimapfade für Klimapfade fürDeutschlandDeutschland(2050)(2050) Klimaneutrales KlimaneutralesDeutschlandDeutschland(2050)(2050) TWh/a TWh/a Beitrag der Solarthermie zur Gebäudewärme 2050 Solarthermie dezentral Solarthermie dezentral Solarthermie in Wärmenetzen Solarthermie in Wärmenetzen 14 4. Rolle der Wohnungswirtschaft Die Wohnungswirtschaft hat in diesem Themenkreis mehrere Rollen. Einerseits nimmt der Mietwohnungsbau die Rolle des größten Abnehmers von Fernwärme in Deutschland ein und andererseits betreibt die Wohnungwirtschaft zahlreiche Quartiers-Wärmenetze in eigener Verantwortung. Insgesamt werden knapp die Hälfte des im GdW vetretenen Wohnungsbestandes über Fernwärme versorgt. Die Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern sind dabei beträchtlich: Während in den alten Bundesländern etwa 29 % über Fernwärme versorgt werden, sind dies in den neuen Bundesländern etwa 71 %. (Viering, 2015) Grundsätzlich ist die Wohnungswirtschaft an einer Wärmeversorgung durch Dritte sehr interessiert. Gerade vor dem Hintergund, dass die energetische Gebäude-sanierung in der Wohnungswirtschaft erkennbar an Grenzen stößt, kann die zunehmende Integration erneuerbarer Wärme in die Fernwärmeversorgung eine gute Perspektive für sozialverträgliche Wärmepreise auf dem Weg zur Klimaneutralität im Gebäudebestand darstellen. Für Axel Gedaschko (Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen) „kommt dem letztlich bezahlbaren Umbau der Fernwärme-systeme eine herausragende Bedeutung für einen sozial vertretbaren Pfad zur Erreichung der Klimaziele zu, denn es zeige sich immer deutlicher, dass trotz aller Investitionen in die Energieeffizienz weder der Energieverbrauch, noch der CO2-Footprint der Wohnungen wie eigentlich erwartet absinken“. (Gedaschko, 2020) Ein größerer Anteil der Solarthermie bei der Erzeugung von Fernwärme sowie der zu erwartende Ausbau der Fernwärme führen dazu, dass die Mieter künftig einen Teil ihres Wärmebedarfs über solarthermisch erzeugte Fernwärme decken können. Ein anderer (und bisher wenig beachteter) Aspekt ist die Rolle der Wohnungswirtschaft als Eigentümer und Betreiber von Wärmenetzen. Insbesondere zur Wärmeversorgung von Wohnquartieren werden Wärmenetze nicht nur von der klassischen Fernwärmewirtschaft oder Contractoren betrieben, sondern auch von den Wohnungsunternehmen selbst. Bei diesen Wärmenetzen können die Wohnungsunternehmen selbst und direkt Einfluß nehmen auf den Erzeugungsmix. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Einsatz von Solarthermie in der Wohnungswirtschaft, die Hemmnisse gegenüber einer stärkeren Verbreitung und mögliche Lösungsansätze für eine stärkere Marktverbreitung wurden am 29. Oktober 2018 in einem Workshop beim Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen in Hamburg diskutiert. Sie sind mit eingeflossen in diesen Fachbericht. Die Wohnungswirtschaft hat mehrere Rollen bei der künftigen Entwicklung solarer Wärmenetze 15 Abbildung 8: Workshop zu solaren Wärmenetzen in der Wohnungswirtschaft am 29.10.2018 in Hamburg (Foto: Hamburg Institut) 16 B Anwendungsoptionen der Solarthermie im Wohnungsbau Die Solarthermie kann auf unterschiedliche Art und Weise zur anteiligen Deckung des Wärmebedarfs im Wohnungsbau eingesetzt werden. Die Nutzung kann dabei dezentral (gebäudeorientiert) oder zentral über Wärmenetze erfolgen. In den meisten Ländern wird Solarwärme vor allem dezentral am jeweiligen Gebäude gewonnen und genutzt. Die größte Ausnahme ist Dänemark, hier wird der Solarmarkt durch großflächige Kollektoranlagen in Freilandaufstellung dominiert, die Wärme in Nah- und Fernwärmenetze einspeisen. 1. Gebäudeorientierte Nutzung Bei der gebäudeorientierten Nutzung werden die Sonnenkollektoren meist auf Dachflächen montiert, seltener an der Fassade. Wesentlich für die technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit sind daher vor allem die Einstrahlung auf das Dach, die Dachstatik, die Koordinierung mit bevorstehenden Dachsanierungen, die Leitungsführung vom Dach in den Heizungsraum sowie genügend Platz für einen Wärmespeicher. Je nach Nutzungsart und – umfang kann die gebäudeorientierte Solarthermienutzung in verschiedene Kategorien eingeteilt werden: von der reinen Warmwasserbereitung, bei der nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Wärme durch Solarthermie erzeugt wird bis hin zu den sogenannten Solarhäusern, deren Wärmebedarf überwiegend solar gedeckt wird. Abbildung 9: Arten der gebäudeorientierten Nutzung von Solarthermie Bei allen Nutzungsarten hängt der spezifische Solarertrag (in kWh pro Quadratmeter Kollektorfläche) und damit auch die Wirtschaftlichkeit stark davon ab, dass im Sommer ein möglichst großer Anteil der verfügbaren Solarwärme genutzt wird. Erfolgt keine Wärmeabnahme bzw. ist der Wärmespeicher voll beladen, stoppt der Kollektorkreislauf – die Anlage geht in Stagnation. Die Temperatur im Kollektorkreis steigt dann stark an. Eine gut geplante und ausgeführte Solaranlage kann diesen Zustand verkraften, doch sowohl wegen der Belastung des Materials als auch im Sinne der Wirtschaftlichkeit ist eine möglichst hohe Wärmenutzung auch im Sommer erstrebenswert. Das ist bei Mehrfamilienhäusern leichter zu gewährleisten als bei Einfamilienhäusern, da die Abnahme gleichmäßiger ist. Bisher dominiert die gebäudeorientierte Nutzung der Solarthermie 17 1.1. Warmwasserbereitung Die Warmwasserbereitung ist der Klassiker unter den Solarthermie-Nutzungsformen: In den Sonnenkollektoren wird ein Wärmeträgermedium (in der Regel Wasser mit Frostschutzmittel) erhitzt. Das heiße Fluid strömt durch den Kollektorkreislauf in den Heizungsraum und wird dort in der Regel über einen Wärmetauscher an den Warmwasserspeicher abgegeben. Die Anlagen werden im Ein- und Zweifamilienhausbereich meist so dimensioniert, dass sie im Sommer den gesamten Warmwasserbedarf decken, im Jahresmittel etwa die Hälfte. Für die solare Warmwasserbereitung gilt als Faustformel eine Kollektorgröße von 1,2 bis 1,5 m² pro Person. Das Speichervolumen liegt bei etwa 80 bis 100 Litern pro Quadratmeter Kollektorfläche (bei Flachkollektoren). Im Wohnungsbau hat die Wirtschaftlichkeit der Solaranlage im Regelfall eine hohe Bedeutung. Hier ist es erforderlich, möglichst hohe Systemnutzungsgrade und damit hohe spezifische Erträge zu erzielen. Aus diesem Grund werden die Anlagen hier oft mit geringerer Dimensionierung der Kollektorfläche je Person ausgelegt. Dies führt im Ergebnis zu höheren Wirkungsgraden, jedoch auch eines kleineren solaren Anteils am Warmwasser-Wärmebedarf. Eine sehr wichtige Grundlage für die Auslegung der Anlage ist die Kenntnis des tatsächlichen Warmwasserverbrauchs. Dies kann bei bestehenden Gebäuden über die Warmwasserverbrauchmessungen erfolgen, im Neubau muss der Bedarf über Vergleichswerte abgeschätzt werden. Ausgehend vom Warmwasserverbrauch im Gebäude können etwa 1 m² Flach-kollektorfläche je 50 Liter Warmwasserverbrauch (60°C) pro Tag als Richtwert angesetzt werden. Hiermit läßt sich auf das Jahr bezogen eine mittlere solare Deckung von 35-45 % des Warmwasser-Energiebedarfs erzielen. Bei einem angenommen mittleren Warmwasserverbrauch von 70 Litern (60°C) pro Wohneinheit ergibt dies bei Flachkollektoren etwa 1,5 m² pro Wohneinheit. Wichtig bei der Dimensionierung der Anlagen ist auch die Größe des Speichers. Im Bereich der solarthermischen Anlagen im Wohnungsbau haben sich Systeme durchgesetzt, bei denen der überwiegende Teil des notwendigen Wasservolumens in Pufferspeichern bevorratet und nur noch ein relativ kleiner Bereitschaftsspeicher mit Trinkwasser befüllt wird, oder das warme Trinkwasser im Durchflusssystem bereitgestellt wird. Ein Richtwert für die Größe des Pufferspeichers sind hier Speichergröße Pufferspeicher 50 Liter je m² Kollektorfläche. Typische Erträge für die solare Warmwasserbereitung liegen bei 300 - 400 Kilowattstunden pro Quadratmeter Kollektorfläche. Mit der solaren Warmwasserbereitung können im Gebäudebestand etwa 5-10 % des gesamten Wärmebedarfs (Raumheizung + Warmwasser) solar bereitgestelt werden. Im Neubau lassen sich höhere Werte erzielen, da hier der Heizbedarf geringer ist. 1.2. Heizungsunterstützung Für eine Heizungsunterstützung wird die Kollektorfläche größer ausgelegt. Die in der Literatur empfohlenen Kollektorflächen variieren stark. Für den Fall der solaren Heizungsunterstützung ist gegenüber der reinen Warmwasserbereitung eine Verdopplung der spezifischen Kollektorfläche und entsprechende Anpassung des Speichervolumens empfehlenswert. Diese Richtwerte geben eine erste Abschätzung, ersetzen jedoch nicht die objektspezifische Fachplanung. Warmwasserbereitung: der Klassiker in der Solarthermie Grober Richtwert für die Warmwasser-Anlagen: 1 m² Kollektor je 50 Liter Warmwasserverbrauch 18 Im Rahmen eines vom BMWi geförderten Forschungsprojekts „Solar unterstützte Wärmezentralen in Mehrfamilienhäusern“ wurden insbesondere die Potenziale einer verbesserten Systemintegration der Solarwärme das Heizsystem durch hydraulisch optimierte Übergabestationen untersucht. (Adam, Backes, Wirth, Eggert, & Helbig, 2018) Ein Beispiel für eine an die besonderen Erfordernisse von Mehrfamilienhäusern angepasste technische Lösung ist der „Juri Energiemanager“ des Unternehmens Parabel Energiesysteme GmbH. Es handelt sich dabei um eine hydraulische Steuerungseinheit, die im Heizsystem die Solarwärme dort nutzt, wo der größten Einspareffekt zu erzielen ist. Das kann je nach Situation die Trinkwassererwärmung, die Heizungsunterstützung, der Heizungspuffer oder ein Spitzenlastspeicher sein. (Parabel Energiesysteme GmbH, 2020) In der Praxis setzen vor allem bei Mehrfamilienhäusern sowohl die Dachfläche als auch der Platz im Heizungskeller oft Grenzen. Welchen Anteil des Heizwärmebedarfs die Solarwärme decken kann, hängt zudem stark von der energetischen Effizienz des Gebäudes ab. Im Gebäudebestand können etwa 15 – 20% des Wärmebedarfs ohne saisonale Speicherung solar gedeckt werden, im Neubau können aufgrund des geringeren Bedarfs an Heizwärme und im Verhältnis größeren Energiebedarfs für Trinkwarmwasser größere Anteile solar erzeugt werden. 1.3. Solarhäuser Noch größere solare Anteile am gebäudebezogenen Wärmebedarf lassen sich erzielen, wenn das Gebäude selbst von vornherein auf die Nutzung der Solarenergie hin optimiert ist. Ein Pionier für den Bau von Solarhäusern ist das Schweizer Unternehmen Jenni Energietechnik AG. Im Jahr 1989 errichtete Jenni in Oberburg das erste rein solar beheizte Haus Europas. Das erste rein solare Mehrfamilienhaus mit acht Wohneinheiten wurde 2007 errichtet, weitere Mehrfamilienhäuser folgten. (Jenni Energietechnik AG, 2020) Die dabei eingesetzten Technologien sind im Wesentlichen am Markt verfügbar. Mittlerweile haben sich verschiedene Anbieter von Solarhäusern etabliert, die jeweils einen eigenen Fokus verfolgen. Bei einigen kann man Solarhäuser sogar schlüsselfertig erwerben. Das Sonnenhaus-Institut in Freiberg hat den Begriff „Sonnenhaus“ geprägt (Sonnenhaus Institut e.V., 2014). Diese Bezeichnung bedeutet, dass mindestens die Hälfte der Energie für Warmwasser und Heizung von der Sonne bereitgestellt werden. Das ist deutlich leichter, wenn die starke Nutzung der Sonnenenergie bereits bei der Planung des Gebäudes berücksichtigt werden: steile, nach Süden gerichtete Dachflächen ohne Verschattung, Platz für einen großen Wärmespeicher, eine gut gedämmte Gebäudehülle, solare Gewinne durch südliche Fensterflächen. Möglich sind hohe solare Deckungsgrade aber sogar im denkmalgeschützten Altbau. Eine aktive Lüftung mit Wärmerückgewinnung ist nicht zwingend erforderlich. Viele Solarhausfachleute lehnen diese sogar ausdrücklich ab. Zusätzlich wird bei den meisten Solarhäusern auch ein nennenswerter Teil des Strombedarfs solar gedeckt. Das „Sonnenhaus Autark“ legt den Fokus auf eine hohe Eigenversorgung und sieht entsprechend große Speicher für Wärme und Strom vor. Beim „Sonnenhaus Plus“ liegt der Schwerpunkt dagegen auf einer hohen Energieerzeugung – das Haus gewinnt Kennzeichnend für Solarhäuser: gute Wärmedämmung, große Kollektorflächen und ein saisonaler Wärmespeicher 19 mehr Energie von der Sonne, als es selbst verbraucht, und speist die Überschüsse ins Stromnetz ein. Während einerseits eine wachsende Bandbreite von Solarhäusern mit heutigen Standardtechnologien am Markt verfügbar ist, geht parallel die Forschung weiter: Beim „Solar Decathlon“ präsentieren Studierende aus aller Welt ihre Solarhäuser. Sie messen sich dabei in zehn Disziplinen, von „Energy Performance“ bis „Market Potential“. Im Jahr 2022 soll der Solar Decathlon Europe erstmals in Deutschland stattfinden und zwar in Wuppertal. 2. Solarthermisch unterstützte Wärmenetze Bei der gebäudebezogenen Nutzung von Solarthermie ist deren Anwendung in verschiedener Hinsicht beschränkt. Ein entscheidendes Kriterium für die Auslegung der Solaranlage ist der gebäudebezogene Wärmebedarf. Um sommerliche Überschüsse und Stagnation der Anlagen zu vermeiden, wird die Kollektorfläche am Wärmebedarf ausgerichtet, auch wenn möglicherweise ein Flächenangebot für eine größere Anlage vorhanden ist. Aber auch die verfügbare Dach – oder Fassadenfläche des Gebäudes begrenzt die Anwendung der Solarthermie im Wohnungsbau. In vielen Fällen sind geeignete Flächen zur Installation der Kollektoren nicht in ausreichendem Maß vorhanden. Im Verhältnis zur Wohnfläche ist die Dachfläche im Geschoßwohnungsbau grundsätzlich kleiner als bei Ein- und Zweifamilienhäusern. Weitere begrenzende Faktoren sind die statische Eignung, die Ausrichtung der Flächen und mögliche Verschattungen. Dazu kommen oft noch Aufbauten für Schornsteine, Lüftungen oder Aufzugsanlagen, die die verfügbare Fläche weiter verringern. Eine Lösung dieser Begrenzungen besteht darin, mehrere Gebäude in einem räumlichen Zusammenhang gemeinsam über Wärmeleitungen mit solarer Wärme zu versorgen. Die Kollektorflächen für diese Anlage können auf verschiedene gut geeignete Flächen verteilt werden oder in einer gemeinsamen Fläche zusammgefasst werden. Hierfür können Dächer, Fassaden oder Freiflächen genutzt werden. Gegenüber einer kleinteiligen Installation der Kollektorflächen auf jedem Gebäude mit dem entsprechenden Verrohrungsaufwand können hier Investitionskosten eingespart werden. Die solar erzeugte Wärme wird dann in ein Wärmenetz eingespeist (Fernwärme, Nahwärme) und die Gebäude werden mit Wärme aus diesem Netz versorgt. Netzgebundene Lösungen von Solarthermie-Anlagen lassen sich nach der Nutzungart und dem damit verbundenen Solar-Anteil am Wärmebedarf klassifizieren: von der Wärmenetzlösung ausschließlich zur Deckung des Warmwasserbedarfs mit relativ geringen solaren Anteilen bis hin zu Wärmenetzen mit einer saisonalen Speicherung der Wärme. Wärmebedarf und Montageflächen beschränken die Nutzung der Solarenergie am Gebäude Die wärmenetzbezogene Anwendung der Solarthermie eröffnet neue Perspektiven 20 Abbildung 10: Arten solarthermisch unterstützter Wärmenetze 2.1. Wärmenetze für Trinkwarmwasser Bei einer entsprechend hohen Wärmedichte im Quartier kann die Errichtung eines Wärmenetzes zur Deckung des Warmwasserbedarfs sinnvoll sein. Die Größe der Anlage wird üblicherweise so ausgelegt, dass der sommerliche Bedarf an Traink-Warmwasser möglichst komplett gedeckt wird, jedoch kaum Überschüsse entstehen und eine Stagnation der Anlage (keine Wärmeabnahme trotz solarem Angebot) möglichst vermieden wird. Der Anteil der benötigten Wärmeenergie zur Deckung des Trinkwarmwasserbedarfs am gesamten gebäudebezogenen Wärmebedarf ist aufgrund des erhöhten baulichen Wärmeschutzes im Neubau bedeutend größer als im Gebäudebestand. Dadurch lassen sich im Bereich der Neubau-Quartiere deutlich höhere solare Deckungsanteile bei dieser Art Wärmenetzen erzielen. 2.1.1. Beispiel Hamburg Hafen-City Ein Beispiel für ein solares Trinkwarmwasser-Wärmenetz bietet die Energie-versorgung der westlichen Hafen-City in Hamburg. Hier sorgen insgesamt etwa 1.800 Quadratmeter Solarkollektorfläche zur anteiligen Deckung von etwa 35 % des Wärmebedarfs für Warmwasser im Quartier. Hier werden neben Eigentumswohnungen und Gewerbeimmobilien auch Bestände der Hamburger Wohnungswirtschaft (Gemeinnützige Baugenossenschaft Bergedorf-Bille eG) versorgt. Die Solarkollektoren sind auf etwa 30 geeigneten Gebäuden im Quartier installiert, mehrheitlich wurden hier Vakuumröhrenkollektoren verwendet. Die angeschlossenen Gebäude verfügen über einen Fernwärmeanschluß für die Gebäudeheizung und die ggfls. erforderliche Nacherwärmung des Warmwassers. Die Anlagen wurden im Auftrag der damaligen Vattenfall Wärme Hamburg parallel zur Entwicklung des Quartiers in den Jahren 2012 bis 2019 errichtet und wurden nach der Rekommunalisierung der Hamburger Fernwärme von der Wärme Hamburg GmbH übernommen. Über den Bebauungsplan hatte die Freie und Hansestadt Hamburg eine verbindliche Nutzung eines Mindestanteils von 30 % regenerativer Energie am Warmwasserbedarf festgelegt. 1.800 m² Solar-kollektoren für die Trinkwassererwärmung 21 Abbildung 11: Solarthermiekollektoren zur Versorgung der Hamburger Hafen-City (Foto: Warmuth) 2.2. Wärmenetze für Raumheizung und Trinkwarmwasser Mit einer Anlagenkonzeption, die als Ziel neben der anteiligen Deckung des Bedarfs an Trinkwarmwasser auch eine solare Unterstützung der Raumheizung verfolgt, lassen sich größere solare Anteile am Gesamt-Wärmebedarf der Gebäude erzielen. Hierzu ist jedoch auch die Installation einer größeren Kollektorfläche in Bezug auf die Quadratmeter Wohnfläche bzw. die Anzahl der Personen notwendig. In der Regel werden die notwendigen Kollektorflächen auf den Dächern oder an den Fassaden der zu versorgenden Gebäude installiert. Für die Versorgung eines Quartiers reicht es normalerweise aus, wenn einzelne gut geeignete Gebäude mit den Kollektoren ausgestattet werden und die restlichen Gebäude über ein Verteilnetz versorgt werden. Für die Sicherstellung der restlichen Wärmeversorgung kommen in der Regel Quartiers-Energiezentralen mit Kesseln, KWK-Anlagen oder aber ein Fernwärme-anschluß zum Einsatz. 2.2.1. Beispiel Ford-Siedlung Köln In der sogenannten Ford-Siedlung in Köln-Niehl erfolgte durch die landeseigene Immobiliengesellschaft LEG6 im Rahmen des Projekts „Solarsiedlungen NRW“ in 2008 eine umfassende architektonische und energetische Modernisierung der Bestandsgebäude aus den 50er Jahren. Im Rahmen des Projektes wurde die ursprünglich dezentrale Wärmeerzeugung auf eine gemeinschaftliche Wärmeversorgung über drei separate Nahwärmenetze mit Wärmeerzeugung durch Gas-Brennwertkessel in Verbindung mit Solarthermie umgesetzt. 6 Seit dem Jahr 2016 erfolgt die Betreuung der Anlage über die Energiegesellschaft ESP EnergieServicePlus GmbH, an der die LEG Immobilien AG zu 51 % und die innogy SE zu 49 % beteiligt sind. 22 Abbildung 12: Modernisierte Ford-Siedlung mit den Solarkollektoren auf den Pultdächern (Grafik: EnergieServicePlus GmbH) Die Solarkollektoren wurden vollflächig auf den Pultdächern von neu errichteten Aufstockungen in Form von Maisonette-Wohnungen installiert. So wurde zusätzlicher Wohnraum geschaffen und eine optimal ausgerichtete Installationsfläche für die Kollektoren bereit gestellt. (Schaefer, 2011) Die Kollektoranlage mit insgesamt etwa 1.000 m² Kollektorfläche (Vakuumröhren) versorgt 345 Wohneinheiten im Quartier mit Wärme. Sie speist die Solarwärme in den Rücklauf der Heizkreise ein. Alternativ kann die solare Wärme in Pufferspeicher-Erdtanks mit je 15.000 Liter Volumen zwischengespeichert werden. Die Solarthermie deckt in der Siedlung etwa 60% des Warmwasserbedarfs ab und liefert einen signifikanten Beitrag zur Raumheizung. Die Reduzierungen des Energiebedarfs und der CO2-Emissionen durch die Modernisierungsmaßnahmen insgesamt sind beträchtlich: der spezifische Wärme-bedarf konnte von 290 kWh je qm auf weniger als 90 kWh je qm gesenkt werden. Der CO2-Ausstoß der gesamten Siedlung konnte um mehr als 90 % von etwa 3.000 t/a auf etwa 200 t/a vermindert werden. (Rühl, 2018) Durch das realisierte Energiekonzept wurden die Heizkosten deutlich abgesenkt, im Ergebnis sind die Wohnkosten für die Mieter trotz höherer Kaltmiete geringer als vorher. (Warmbold, 2011) 2.3. Wärmenetze mit saisonaler Speicherung Ohne eine groß dimensionierte Zwischenspeicherung der solar erzeugten Wärme ist ein solarthermischer Deckungsgrad am Wärmebedarf von etwa 15-20 % erreichbar. Ein größerer Anteil der Solarthermie am Wärmebedarf eines Quartiers lässt sich erreichen, wenn die Solarwärme in saisonalen Wärmespeichern über längere Zeiträume gespeichert wird. So kann die im Sommerhalbjahr erzeugte Wärme auch in der Heizperiode genutzt werden. In der Praxis wurden bisher Versorgungssysteme mit einem solaren Anteil am Wärmebedarf bis zu 50 % realisiert. Zu bedenken ist jedoch, dass die saisonale Wärmespeicherung zusätzliche Investitionen erfordert und damit die Im Ergebnis: geringere Wohnkosten für die Mieter und hohe CO2-Einsparung 23 Wärmegestehungskosten erhöht. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die direkte Nutzung der Wärme prioritär. 2.3.1. Beispiel Solarsiedlung Crailsheim In der Stadt Crailsheim in Baden-Württemberg wurde auf der Konversionsfläche einer ehemaligen US-Kaserne das Baugebiet Hirtenwiesen entwickelt. Die Wärme-versorgung erfolgt über ein solar unterstützes Nachwärmesystem mit saisonalem Wärmespeicher. Mit Abschluß des ersten Bauabschnittes im Jahr 2012 werden etwa rund 260 Wohneinheiten in Mehrfamilienhäusern, sowie eine Schule und eine Sporthalle mit Wärme versorgt. Die Anlage wurde durch die Stadtwerke Crailsheim errichtet. Für die solare Wärmeversorgung wurden insgesamt ca. 7.500 m² Solarkollektoren installiert. Die Kollektorfläche verteilt sich auf mehrere Standorte. Etwa 2.300 m² wurden auf den Dächern der Mehrfamilienhäuser (umgebaute Kasernengebäude), der Schule und der Sporthalle installiert. Der Großteil der Kollektorfläche mit etwa 5.200 m² wurde jedoch als Freiflächenanlage auf dem angrenzenden Lärmschutzwall errichtet. Zwei Heisswasser-Pufferpeicher mit 100 bzw. 480 m³ Volumen und ein saisonaler Erdsonden-Wärmespeicher sowie eine Wärmepumpe ergänzen das System. Abbildung 13: Prinzipskizze der solaren Nahwärmeversorgung in Crailsheim (Grafik: Solites) Der sommerliche Überschuss an Wärme wird in dem Erdsondenspeicher für die Nutzung im Herbst und Winter zwischengelagert. Über 80 Erdwärmesonden wird die Wärme bis in eine Tiefe von 55 m abgegeben. Auf diese Weise können etwa 37.500 m³ im Untergrund anstehendes Gestein als Speichermedium genutzt werden. Um eine effiziente Nutzung des Speichers zu ermöglichen, ist zusätzlich eine Wärmepumpe für dessen Auskühlung installiert. Im Ergebnis wird ein solarer Deckungsanteil von etwa 50 % am Gesamtwärmebedarf der Siedlung erreicht. Die restliche Wärmeversorgung erfolgt über einen Fernwärmeanschluß der Stadtwerke Crailsheim. (Solites Stuttgart, AGFW Frankfurt, Hamburg Institut, IER Stuttgart, 2016) 24 C Kosten und Wirtschaftlichkeit Die Wirtschaftlichkeit der Investition in eine großflächige thermische Solarlange ergibt sich wie bei allen Energieversorgungssystemen nicht aus finanziellen Erlösen der Anlage selbst, sondern aus dem Vergleich mit einem Referenzsystem und den dort entstehenden Wärmegestehungskosten. Die Abschätzung der realen Wirtschaftlichkeit trifft hierbei auf die Herausforderung, dass für diesen Vergleich die gesamte künftige Lebensdauer der Anlage und das jeweilige Referenzsystem in den Blick genommen werden müssen. Zur Bestimmung der Wirtschaftlichkeit muss daher auch ein Zukunftsbild der künftigen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickelt werden. Entwicklungen auf dem Brennstoffmarkt, aber auch Technologieentwicklungen und Veränderungen der Kundenbedarfe müssen dabei berücksichtigt werden. In der Nachschau aus heutiger Erkenntnis betrachtet, waren frühere in die Zukunft gerichtetete Energiepreisprognosen auch namhafter Institute in vielen Fällen falsch. An erster Stelle aber ist der künftige Energiemarkt durch die Energiepolitik geprägt. Veränderungen im Rechtsrahmen, der Energiebesteuerung oder der Förderung von Investitionen sind für die Wirtschaftlichkeit der Investitionen von entscheidender Bedeutung. Prognosen über den künftigen Energiemarkt sind daher in erster Linie Politikprognosen. Vor dem Hintergrund dieser unsicheren Rahmenbedingungen bietet die Investition in großflächige Solaranlagen eine vergleichsweise hohe Sicherheit bei der Kalkulation der künftigen Kosten. Bei der Nutzung von Solarthermie fallen im Gegensatz zu fossilen Heizsystemen im Lauf der Lebensdauer der Anlage keine Brennstoffkosten an und auch die Betriebskosten der Anlagen sind sehr gering. Die solaren Wärmegestehungskosten resultieren zu sehr großen Anteilen aus der annuisierten Investition und sind damit auch langfristig gut kalkulierbar. 1. Investitionskosten Eine umfassende Analyse der Wirtschaftlichkeit verschiedener solarthermischer Anlagensysteme im urbanen Umfeld findet sich in den Untersuchungen der Internationalen Energie Agentur IEA im Sektor SHC (Solar Heating and Cooling). Nach (Mauthner & Herkel, 2017) können für die Investionen in Solarkollektoranlagen abhängig von deren Größe und technischer Ausstattung folgende Werte angesetzt werden: Anlagenart Kollektorfläche [m²] Spez. Kosten [€/m²] Einfamilienhaus 5 - 10 801 – 1.050 Mehrfamilienhaus 30 - 300 520 – 800 Quartier 500 – 5.000 420 – 660 Quartier mit Saisonalspeicher 1.000 – 10.000 480 – 800 Solare Fernwärme 5.000 – 20.000 210 - 270 Tabelle 1: Investitionskosten solarthermischer Anlagen. Daten nach (Mauthner & Herkel, 2017) Maßgeblich für die Wirtschaftlichkeit ist der Vergleich mit einem Referenzsystem Die Wirtschaftlichkeits-betrachtung erfordert ein Zukunftsbild der künftigen energie-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Durch die geringen Betriebskosten bietet die Solarthermie eine hohe Kostensicherheit 25 In diesen Kosten sind alle erforderlichen Investionen für eine betriebsfertige Anlage zugrunde gelegt. Mehrwertsteuer und Fördermittel sind nicht berücksichtigt. Es zeigt sich, dass die spezifischen Investionen mt Größe der Anlage stark absinken. Gegenüber einer Anlage im Einfamilienhausbereich sind bei solarer Fernwärme 3 – 4 mal geringere Investitionen notwendig. Bei allen Anlagen (mit Ausnahme der solaren Fernwärme) ist eine Dachflächen-montage vorausgesetzt. 2. Betriebskosten Die Kosten im laufenden Betrieb sind bei solarthermischen Anlagen im Vergleich zu anderen Wärmeversorgungsoptionen äußerst gering. Brennstoffe sind nicht erforderlich. Nur die Umwälzpumpen im jeweiligen System benötigen elektrische Energie, die mit etwa 1,5 kWh je 100 kWh erzeugte Wärme abgeschätzt werden kann. Für den Betrieb und die Instandhaltung der Anlagen können die in Tabelle 2 dargestellten Werte angesetzt werden. Anlagenart Betriebskosten, fix [€/m²] Betriebskosten, var. [€/m²] Einfamilienhaus 7,0 1,4 Mehrfamilienhaus 5,5 1,4 Quartier 3,5 1,4 Quartier mit Saisonalspeicher 4,0 1,1 Solare Fernwärme 1,7 1,5 Tabelle 2: Betriebskosten solarthermischer Anlagen. Daten nach (Mauthner & Herkel, 2017) 3. Wärmegestehungskosten Die Wärmegestehungskosten der Anlagen (Levelized cost of heat, LCOH) ergeben sich aus den Investitionen, den darauf basierenden Kapitalkosten sowie den Betriebs- und Personalkosten im jeweiligen Verhältnis zu der erzeugten Wärme. Die Ergebnisse der Berechnungen sind in Tabelle 3 dargestellt. Auch hier ist zu beachten, dass etwaige Förderprogramme bei der Berechnung der Kosten nicht berücksichtigt sind. Anlagenart Wärmekosten [ct/kWh] Wärmekosten, mittel [ct/kWh] Einfamilienhaus 14,3 – 18,1 16,2 Mehrfamilienhaus 8,9 – 13,4 11,2 Quartier 7,3 - 11,2 9,2 Quartier mit Saisonalspeicher 10,6 – 17,4 14,0 Solare Fernwärme 3,7 – 4,6 4,1 Tabelle 3: Wärmegestehungskosten solarthermischer Anlagen netto, ohne Förderung. Daten nach (Mauthner & Herkel, 2017) 26 Im Mehrfamilienhaus liegen die Wärmegestehungskosten mit etwa 11,2 ct/kWh etwa 5 ct (ca. 30 %) geringer als im Bereich der Einfamilienhäuser, die heute noch den Markt dominieren. Noch günstiger stellen sich mit 9,2 ct/kWh im Mittel die Wärmekosten einer Quartierslösung mit Solarthermie dar. Damit sind die Wärmekosten bei einer gemeinsamen solaren Quartierslösung nur etwa halb so hoch wie im Einfamilienhaus. Wird dort ein Saisonalspeicher einegesetzt, steigen zwar die Wärme-gestehungskosten an, in diesem Fall kann jedoch auch der durch Solarenergie abgedeckte Anteil des Wärmebedarfs von etwa 20 % auf etwa 50 % deutlich erhöht werden. Die mit Abstand günstigsten Wärmegestehungskosten werden beim Einsatz großflächiger Anlagen erzielt, die auf Freiflächen errichtet werden und in Wärmenetze einspeisen. Ein wesentlicher Grund dafür sind die deutlich geringeren Installations-kosten. Im Ergebnis werden hier Wärmegestehungskosten erzielt, die mit 4,1 ct/kWh etwa 75 % geringer sind als im Ein- und Zweifamilienhausbereich. Abbildung 14: Wärmegestehungskosten solarthermischer Anlagen netto, ohne Förderung. Daten nach (Mauthner & Herkel, 2017) 4. Förderung Die Installation solarthermischer Anlagen wird seit vielen Jahren staatlich gefördert. Im Gegensatz zur Photovoltaik, wo die Förderung über eine Einspeisevergütung des erzeugten Stroms stattfindet, basiert die Förderung der Solarthermie auf Investitionskostenzuschüssen und zinsgünstigen Krediten. Die Ausgestaltung der Förderprogramme bezüglich der Fördersätze und einzuhaltenden Förderkriterien ist einem stetigen Wandel unterworfen. Hier empfiehlt es sich, bei der Planung von Projekten jeweils aktuelle Informationen einzuholen. 0 0 2 2 4 4 6 6 8 8 10 10 12 12 14 14 16 16 18 18 20 20 EFH EFH MFH MFH Quartier Quartier Quartier / Quartier /SaisonspeicherSaisonspeicher Solare Fernwärme Solare Fernwärme Wärmegestehungskosten in ct/kWh Wärmegestehungskosten in ct/kWh Wärmegestehungskosten solarthermischer Anlagen Wärmegestehungskosten solarthermischer Anlagen 27 Mit Beginn des Jahres 2020 hat die Bundesregierung die Förderkulisse im Gebäudesektor für erneuerbare Energien und Energieeffizienz deutlich verbessert. Die Förderung der gebäudeorientierten Anwendung der Solarthermie erfolgt ab dem Jahr 2021 über das neu aufgelegte Programm Bundesförderung effiziente Gebäude BEG. Dieses Programm fasst die frühere Förderung über das MAP (Marktanreizprogramm erneuerbare Energien) sowie die Effizienzhauspakete der KfW unter einem Förderdach zusammen. Die Abwicklung der Förderung erfolgt über die BAFA (Bundesanstalt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) in Eschborn.7 Der Einbau von Solarkollektoranlagen wird mit einem Investitionsszuschuss in Höhe von 30 % der förderfähigen Kosten unterstützt. Die Solaranlage kann aber auch Teil einer umfassenden Lösung, wie etwa beim Austausch einer bestehenden Ölheizung sein. In diesem Fall würden 45 % der Investitionskosten (inkl. Montage und Nebenkosten) gefördert. Flankierend dazu kann die gesamte Investition über zinsgünstige Kredite finanziert werden. Auch große Kollektoranlagen auf Sonnenhäusern (nach der Förderrichtlinie: „Solaraktivhaus“) erhalten weiterhin Investitionszuschüsse in Höhe von 30 %. Neben der Einzelförderung von Investitionen in solarthermische Anlagen kann deren Installation durch die Integration erneuerbarer Energien in die Gesamtbilanz des Gebäudes auch wesentlich dazu beitragen, dass bestimmte KfW-Effizienzklassen für eine attraktive sytemische Förderung erreicht werden. Diese systemische Förderung in Neubau und Gebäudebestand beginnt ab dem 1. Juli 2021 und bietet ebenfalls attraktive Investitionsanreize. Innerhalb des BEG ist auch der Anschluss an ein Wärmenetz förderfähig, wenn dieses Netz einen über einen Mindestanteil erneuerbarer Energien (EE) verfügt. Die Anschlusskosten an ein solches Netz werden ab einem EE-Anteil von 25 % mit 30 % der förderfähigen Kosten bezuschusst. Ab einem EE-Anteil von 55 % im Netz erhöht sich der Zuschuß auf 35 %. Das Wärmenetz kann hierbei ein klassisches Fernwärmenetz oder auch ein Gebäudenetz (z.B. der Wohnungswirtschaft) sein, das nur wenige Gebäude miteinander verbindet. Auch für diesen Fall gilt: die Versorgung über ein Quartiersnetz mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien kann für das Gebäude oder das gesamte Quartier das Erreichen von Effizienzstandards der KfW (z.B. KfW 55-EE, KfW 40-EE) ermöglichen, die im Ergebnis eine sehr attraktive systemische Förderung nach sich ziehen kann. Darüber hinaus wird derzeit von der Bundesregierung ein Förderprogramm erarbeitet, das sich speziell an den Anforderungen von Wärmenetzsystemen auf Basis erneuerbarer Energien ausgerichtet ist. Das Bundesprogramm effiziente Wärmenetze BEW soll die bestehenden Förderprogramme in diesem Sektor (Wärmenetze 4.0, MAP) ablösen. Das neu aufgelegte Förderprogramm BEW wird ab dem 2. Quartal 2021 erwartet. Neuerungen darin sind, dass neben neuen Wärmenetzen auch die Transformation bestehender Wärmenetze gefördert werden soll. Zudem sieht das neue BEW betriebliche Förderungen für Solarthermie (vsl. 2 ct/kWh) und Wärmepumpen vor. Die Details zu diesem Förderprogramm stehen allerdings noch nicht endgültig fest. 7 https://www.bafa.de/DE/Energie/Effiziente_Gebaeude/effiziente_gebaeude_node.html 30 -45 % der Investitionskosten für die Solarthermie werden gefördert Attraktive Förderung für Quartiers-Wärmenetze mit Solarthermie Ein neues Förder-programm für Wärme-netze mit erneuerbaren Energien ist avisiert. 28 Im Bereich von Nah- und Fernwärmenetzen kommt für die Integration der Solarthermie als Förderinstrument auch das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz KWKG in Betracht. Die Kombination von KWK-Anlagen mit Anlagen auf Basis erneuerbarer Energien wird über den im novellierten Gesetz ab 2020 neu fixierten EE-Bonus und auch in Ausschreibungsverfahren über die sogenannte innovative KWK (iKWK) attraktiv gefördert. 29 D Rechtlicher Rahmen Die energiepolitischen Rahmenbedingungen und Instrumente auf europäischer und nationaler Ebene (teilweise auch auf Landesebene) haben großen Einfluß auf das Marktgeschehen und die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen. Die Entwicklung des regulatorischen Rahmens befindet sich derzeit in einer Phase tief greifender Veränderungen. So wurden in den letzten Jahren bereits eine ganze Reihe von Instrumenten eingeführt oder modifiziert, die eine maßgebliche Wirkung auf die energetische Gebäudesanierung und die Wärmeerzeugung entfalten. Vor dem Hintergrund der langfristigen Zielvorstellung eines klimaneutralen Gebäudebestands sind jedoch den nächsten Jahren weitere deutliche Verschärfungen im regulatorischen Rahmen zu erwarten, die die Transformation zu mehr Energieeffizienz und den Umstieg auf erneuerbare Energien flankieren sollen. 1. Europäischer Regelungsrahmen Der Klimaschutz zählt zu den politischen Schwerpunkten der Europäischen Union. Auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Wirtschaft setzt die Europäischen Union auf übergreifende Zielformulierungen, EU-weite Maßnahmen und verbindliche nationale Klimaschutzziele. Die Staats- und Regierungschefs der EU haben sich im Dezember 2019 zum Ziel der Klimaneutralität bis 2050 bekannt. Bis zum Jahr 2050 sollen also alle Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union soweit als möglich vermieden werden. Das neue Schlüsselprojekt der EU-Kommission ist der sogenannte Europäische Grüne Deal (European Green Deal, EGD). Hierbei handelt es sich um eine umfassende Wachstumsstrategie für eine klimaneutrale und ressourcenschonende Wirtschaft. Übergeordnetes Ziel des EGD ist die EU-weite Treibhausgas-Neutralität bis zum Jahr 2050. Am 11. Dezember 2019 hat die EU-Kommission eine Mitteilung mit ihren Vorstellungen für den EGD und ein umfassendes Arbeitsprogramm zur Weiterentwicklung der EU-Politiken in diesem Sinne vorgestellt. Neben dem EGD und den darauf basierenden Europäischen Klimaschutzgesetz sind für den Gebäudesektor auch die EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie und die EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie (Renewable Energy Directive - RED II) von besonderer Bedeutung. 1.1. Europäisches Klimagesetz Am 4. März 2020 hat die EU-Kommission ihren Vorschlag für ein Europäisches Klimagesetz als zentralen Bestandteil des European Green Deal vorgelegt8. Das Gesetz soll das Ziel der EU-weiten Treibhausgasneutralität bis 2050 verbindlich festschreiben und somit Behörden, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürgern Planungs-sicherheit bieten. Darüber hinaus soll im Rahmen des EU-Klimagesetzes auch ein ambitioniertes Klimaziel für 2030 rechtlich verankert werden. Das bisherige Ziel einer Absenkung der THG-Emissionen um 40 % bis 2030 soll im selben Zeitraum auf einen Wert von 8 https://ec.europa.eu/clima/policies/eu-climate-action/law_de Auf der EU-Ebene ist eine deutliche Verschärfung der regulatorischen Rahmens zu erwarten Der European Green Deal ist das neue Schlüsselprojekt der EU 30 mindestens 55 % Minderung erhöht werden. Das Europäische Parlament strebt sogar eine Minderung der Emissionen bis 2030 um 60 % an. Die Verhandlungen zum EU-Klimagesetz zwischen Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten sollen im ersten Quartal 2021 abgeschlossen werden. 1.2. Europäische Klimaschutzverordnung Die sogenannte EU-Klimaschutzverordnung ist eine zentrales EU-weit gültiges verbindliches Instrument zur Minderung von Treibhausgasemissionen. Die Klimaschutzverordnung9 (auch Lastenteilungsverordnung oder Effort-Sharing-Regulation, ESR) aus dem Jahr 2018 gilt für Anwendungssektoren, die nicht dem EU-Emissionshandel unterfallen, also beispielsweise den Gebäudesektor, Verkehr, Landwirtschaft und Gewerbe). In der Klimaschutzverordnung ist für den Zeitraum 2021-2030 fixiert, dass die THG-Emissionen in den relevanten Sektoren europaweit um 30 Prozent gegenüber 2005 sinken sollen. Vor dem Hintergrund der großen regionalen Unterschiede innerhalb der EU wurden die zu erreichenden spezifischen Ziele der Mitgliedsstaaten auf Basis der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung und der verschiedenen Potenziale zur Treibhausgas-minderung festgelegt. Für die Bundesrepublik Deutschland wurde eine Treibhausgas-reduktion von 38 Prozent bis 2030 gegenüber dem Jahr 2005 in den betroffenen Sektoren verbindlich fixiert. Die Einhaltung der nationalen Zielverpflichtung wird jährlich überprüft. Falls die nationalen Ziele nicht erreicht werden, müssen bei anderen EU-Mitgliedern überschüssige Nicht-ETS-Emissionsrechte erworben werden, um die Unterdeckung auszugleichen. Hiermit entsteht ein großes Risiko für den Bundeshaushalt. N

2022-07-14T16:12:29+02:00Freitag, 1. Mai, 2020|
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